Prof. Dr. Claus Tiedemann

Universität Hamburg
Fachbereich (ehem.) Sportwissenschaft
seit 2005: Fb. "Bewegungswissenschaft"
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"Sport" - Vorschlag einer Definition
"sport" - a suggested definition

aktualisiert: 7. August 2017
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"Sport" definieren - warum und wie?
defining "sport" - why and how?

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Grenzen und Nutzen dieser Definition
limits and benefits of this definition


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Erläuterung der Definitions-Elemente
explanation of the definition elements

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Ausgewählte Literatur
selected literature





Sport ist ein kulturelles Tätigkeitsfeld, in dem Menschen sich freiwillig in eine Beziehung zu anderen Menschen begeben, um ihre jeweiligen Fähigkeiten und Fertigkeiten in der Bewegungskunst zu vergleichen - nach selbst gesetzten oder übernommenen Regeln und auf Grundlage der gesellschaftlich akzeptierten ethischen Werte.

Sport is a cultural activity field, in which people voluntarily enter into a relationship with other people for to compare their respective abilities and accomplishments in skilled motion - according to self-established or inherited rules and basing on the socially accepted ethical values.

Sport est un domaine d'activité culturelle, dans lequel les gens s'engagent volontairement dans une relation avec d'autres personnes afin de comparer leurs capacités et compétences respectives dans l'exercice physique adroit - selon des règles autoétablies ou héréditaires et sur la base des valeurs éthiques socialement acceptées.

Eine ähnliche Sport-Definition ist von mir im Januar 2002 erstmals ins Internet gestellt und seither mehrfach überarbeitet worden. Sie ist einfach ein Vorschlag, den ich hiermit zur Diskussion stelle. Kürzlich habe ich den Text - sowohl die Definition als auch (natürlich) die Erläuterungen - wieder gründlich überarbeitet. Ich hoffe, dass er einfacher geworden ist, ohne an Genauigkeit und Differenziertheit einzubüßen. Eine ausführlichere Auseinandersetzung mit der Literatur (Auswahl siehe Punkt 4, am Schluss!) habe ich noch vor.

Im Folgenden begründe ich erstens, warum und wie ich "Sport" definier(t hab)e, zweitens erörtere ich Grenzen und Nutzen meines Definitionsvorschlags, und drittens erläutere ich die einzelnen Elemente meiner Definition.

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1. "Sport" definieren - warum und wie?

Sport zu definieren ist schwierig. Dies wird an vielen Beiträgen zur Definitions-Problematik deutlich, die meistens vage und unpräzise sind. Als repräsentatives Beispiel zitiere ich Peter RÖTHIGs und Robert PROHLs Beitrag von 2003 zum Stichwort "Sport" im "Sportwissenschaftlichen Lexikon" (S. 493): "Seit Beginn des 20. Jahrhunderts hat sich S. zu einem umgangssprachlichen, weltweit gebrauchten Begriff entwickelt. Eine präzise oder gar eindeutige begriffliche Abgrenzung läßt sich deshalb nicht vornehmen." In der Kernaussage steht es so schon seit 1983 im "Sportwissenschaftlichen Lexikon". Diese Kapitulation vor der notwendigen begrifflichen Anstrengung oder gar die Erklärung, sie sei von vornherein ein nicht sinnvolles Unterfangen, weil unmöglich, halte ich für einen folgenschweren Gedankenschritt, der die deutschsprachigen Veröffentlichungen der letzten Jahrzehnte meines Erachtens negativ bestimmt hat.

Grundsätzlich muss meines Erachtens jeder Wissenschaftler einen möglichst klaren Begriff vom Gegenstand seiner Wissenschaft haben und ihn in seinen Veröffentlichungen erläutern. Die Vorstellung, ein Physiker hätte keinen genauen Begriff von Physik, ein Jurist keinen von Recht usw., dürfte allen Menschen merkwürdig erscheinen. Genau dies wird aber von den meisten und einflussreichsten Sportwissenschaftlern in Deutschland (und auch von einigen in anderen Ländern und Kulturen) für normal bzw. sogar für normativ erklärt.

Die Folge sind wissenschaftliche Arbeiten, in denen alles Mögliche zu "Sport" gerechnet wird, selbst etwas meines Erachtens so Absurdes wie "Gesundheitssport". Verbunden damit, dass entsprechend der herrschenden Auffassung (repräsentiert im "Sportwissenschaftlichen Lexikon") eine klare Begrifflichkeit von den meisten Sportwissenschaftlern gar nicht erst angestrebt wird, entstehen auf solche Weise völlige Beliebigkeit und Unklarheit im sportwissenschaftlichen Diskurs.

Wer sich mit dieser Entwicklung (bzw. mit diesem inzwischen vorherrschenden Zustand) nicht abfinden mag, muss sich dem mühevollen Unterfangen stellen, "Sport" (als zentralen Gegenstandsbegriff der Sportwissenschaft) zu klären; er muss seinen Umfang bzw. seine Grenzen bestimmen, und das heißt: "Sport" definieren. Und eine solche (Arbeits-) Definition muss jeder Wissenschaftler öffentlich bekannt geben. Dies tue ich hiermit in der Hoffnung auf fördernde Resonanz aller derer, die sich um klare Begriffe in den Kulturwissenschaften bemühen. (Vgl. die weiter unten erwähnte und zitierte Begriffsbestimmung von "Bewegungskultur" sowie meine weiteren Definitionsvorschläge zu "Kunst", "Gewalt" und "Aggression" sowie "Olympismus" und "Frieden".)

Eine Definition soll die Bedeutung eines Begriffs bestimmen, festlegen, ein- bzw. abgrenzen. Zur Klarstellung gleich vorweg: Eine Definition als eine Vorschrift o.ä. zu begreifen, wäre ein Missverständnis. Jeder denkende Mensch bildet sich seine je eigene Meinung und benutzt Worte in seiner je eigenen Bedeutung. Dies sollte man aber nicht subjektivistisch oder konstruktivistisch übertreiben. Wir sind gesellschaftliche Wesen, auf Austausch und Verständigung mit anderen Menschen angelegt, in der Wissenschaft sowieso. Wenn wir uns aber mit anderen Menschen verständigen wollen, die ja ihren eigenen Wortgebrauch haben, müssen wir unseren (jeweiligen) Wortgebrauch klären, zumindest auf Nachfrage klären können.

Wissenschaftler müssen darüber hinaus von vornherein, ohne auf Nachfrage zu warten, zumindest ihre zentralen Begriffe klären. Wenn SportwissenschaftlerInnen (sich gegenseitig) ungefragt mitteilen, was sie unter Sport verstehen, dann tun sie nur das Notwendige; wenn sie es unterlassen, ist das ein schwerwiegendes Hindernis für die Verständigung. In diesem Sinne ist das Definieren eine notwendige Vorleistung für den wissenschaftlichen Austausch von Erkenntnissen und Meinungen.

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Natürlich sind Definitionen nicht Instrumente, die in erster Linie die Wirklichkeit verändern sollten oder gar könnten; vielmehr soll hauptsächlich die vorgefundene (objektiv gegebene) Wirklichkeit in ihnen klar und trennscharf auf den (subjektiven) Begriff gebracht werden. "In erster Linie", "hauptsächlich" - mit dieser Wortwahl habe ich schon angedeutet, dass in allen Worten, also auch (oder erst recht) in Definitionen, eine Vorstellung davon repräsentiert ist, wie die Wirklichkeit auch sein könnte (oder für mich sein sollte).

Ich verfolge mit meinen Worten (und damit auch Definitionen) einerseits kein rein objektivistisches Ideal (das sowieso nicht erreichbar ist). Andererseits verstehe ich meinen Wortgebrauch auch nicht als nur subjektivistisch, voluntaristisch oder gar konstruktivistisch. Dies bedeutet, dass ich die oben angedeutete Priorität akzeptiere, in der beides aufgehoben ist: Definitionen sollten so klar und trennscharf wie möglich die Wirklichkeit auf den Begriff bringen und zugleich auch in aller Feinheit zumindest andeuten, wie die Wirklichkeit auch sein könnte (oder sollte).

Man kann mehrere Arten von Definitionen unterscheiden: Real- (oder Wesens-) Definition, Nominaldefinition, Feststellungsdefinition, ostentative und operationale Definition. Ich schlage - entsprechend einer auf Aristoteles zurückgehenden philosophischen Tradition - eine so genannte Realdefinition (Wesensbestimmung) vor. Sie soll das Wesen des Gegenstandes eines Begriffes festlegen durch Angabe der nächsthöheren Gattung (genus proximum) und des artbildenden Unterschiedes (differentia specifica). "Fehler" kann man bei einer regelrechten Definition auch machen, wenn sie z. B. zu eng oder zu weit ist, Widersprüche enthält, unklar formuliert ist, eine negative Formulierung oder gar das zu definierende Wort selbst enthält (vgl. Regenbogen, Arnim; Uwe Meyer (Hrsg.) (2013): Wörterbuch der philosophischen Begriffe, begründet von F. Kirchner und C. Michaëlis, fortgesetzt von J. Hoffmeister, vollständig neu herausgegeben von A.R. und U.M. Hamburg: Felix Meiner 2013 (= Philosophische Bibliothek, Band 500), Stichwort "Definition".).

Wenn man eine solche Definition erarbeiten will, wie sie in den meisten Wörterbüchern und Lexika geboten wird, muss man sich zunächst also Gedanken machen, zu welcher Gattung Sport gehört, welche Begriffe auf der selben Ebene angesiedelt sind und welches die nächsthöhere Gattung (Begriffsebene) ist. Den Begriff Apfel zum Beispiel der Gattung Obst zuzuordnen, würde einen Schritt zu weit gehen, weil Kernobst die nächsthöhere Gattung ist. Für mich ist die nächsthöhere Gattung für den Begriff "Sport" "Tätigkeitsfeld". Sport ist für mich eines von vielen Tätigkeitsfeldern. Die Fülle von Tätigkeitsfeldern habe ich schon etwas eingeschränkt durch das Adjektiv "kulturell". Dieses Element meiner Definition sowie alle anderen erläutere ich ausführlicher weiter unten (Punkt 3).

Im zweiten Schritt muss man den "artbildenden Unterschied" benennen, was also das (kulturelle) Tätigkeitsfeld Sport von anderen (kulturellen) Tätigkeitsfeldern unterscheidet. Dies sollte so knapp und klar wie möglich formuliert werden mit Worten bzw. Begriffen, die möglichst allgemein verständlich sind. Aus der grundsätzlichen Notwendigkeit, dass die hierbei verwendeten Begriffe ja ihrerseits wieder definiert werden müssten, folgern einige Autoren, dass ein solches Vorgehen infinit oder gar zirkulär sei, was einen schwerwiegenden Verstoß gegen die Definitions-Regeln darstelle; daher könne bzw. müsse man solches gar nicht erst versuchen. Dieses Bedenken ist ebenso puristisch wie unfruchtbar. Meines Erachtens ist es sowohl hinreichend als auch notwendig, die in der Tat logisch denkbare Zirkularität als eine "Unschärfe" in Kauf zu nehmen, um praktisch einen großen Gewinn an begrifflicher Klarheit zu erwerben.

Klar ist, dass auch diese Definition subjektiv ist, das Ergebnis (m)einer Handlung und (m)einer Entscheidung; andere werden anders handeln und entscheiden. Wissenschaft besteht aus dem Auseinandersetzen mit anderen Subjekten, ihren Handlungen und Entscheidungen. Wissenschaftler bieten grundsätzlich und öffentlich an, das eigene Handeln und Entscheiden nachvollziehbar zu begründen und damit nachprüfbar zu machen. Und anderen Wissenschaftlern begegnen sie kritisch mit dem gleichen Aspruch.

Wenn Röthig/Prohl im "Sportwissenschaftlichen Lexikon" behaupten, "eine präzise oder gar eindeutige begriffliche Abgrenzung" von "Sport" lasse "sich deshalb nicht vornehmen", so verweigern sie sich dem, was (Sport-) Wissenschaft grundlegend ausmacht; sie bleiben damit im Alltags-Sprachgebrauch - und mit ihnen inzwischen schon mehr als eine Generation von SportwissenschaftlerInnen. Der (logische) Schluss, der mit dem Wort "deshalb" behauptet wird, ist übrigens unzulässig; denn aus den (zutreffend benannten) Begriffseigenschaften "umgangssprachlich" und "weltweit gebraucht" lässt sich nicht (einfach) schließen, dass der Begriff "Sport" nicht "präzise oder gar eindeutig" definiert (das ist "begrifflich abgegrenzt") werden kann.

Alle Elemente meiner Sport-Definition sind notwendig, und nur gemeinsam sind sie hinreichend. Dies bedeutet, dass eine Tätigkeit schon dann nicht mehr zu "Sport" gehört, wenn auch nur eines der definierenden Elemente nicht gegeben ist. Dies ist eine Denkfigur, die eine klare Abgrenzung ermöglicht, und das ist schließlich der Wortsinn des Definierens.

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2. Grenzen und Nutzen dieser Sport-Definition

Mein Definitionsvorschlag deckt nur einen Teil des alltags- und umgangssprachlichen "Sport"-Begriffs ab. Hiernach kann vieles nicht (mehr) als Sport bezeichnet werden (zumindest im wissenschaftlichen Sprachgebrauch), was im Alltags-Sprachgebrauch so benannt wird (z. B. "Gesundheitssport"). Der Unterschied ist schon erheblich.

In vielen Diskussionen habe ich erfahren, dass viele Menschen sich gegen diesen neuen Wortgebrauch sträuben. Das ist wohl nicht nur ein Festhalten am Gewohnten, es ist vermutlich vor allem die Abwehr eines befürchteten "Angriffs" auf ein inzwischen gesellschaftlich tief verankertes Wertbewusstsein: Sport bzw. Sportlichkeit wird von den meisten Menschen unserer Gesellschaft als ein hoher Wert empfunden und ist als solcher emotional tief verankert; dies gilt wohl erst recht für die meisten SportwissenschaftlerInnen. Ein deutlich engerer Sport-Begriff scheint in den Augen (bzw. "Herzen"!) vieler Menschen einen Teil ihres Lebensstils in Frage zu stellen, den sie als "sportlich" verstehen (wollen).

Die von mir vorgeschlagene begriffliche Umstellung mag - zumindest anfangs - zu erheblicher Unsicherheit führen. Mein Vorschlag, für die nach meiner Definition nicht (mehr) unter "Sport" begrifflich einzuordnenden Tätigkeiten "Bewegungskultur" als weiteren Oberbegriff zu verwenden, scheint für viele den als emotional bedeutsam empfundenen "Verlust der Sportlichkeit" nicht einfach kompensieren zu können.

Der meines Erachtens größte und allgemeine Nutzen dieser Begriffsklärung entsteht für den sport-wissenschaftlichen Diskurs: Wenn Sportwissenschaftler voneinander wissen, was sie jeweils unter "Sport" verstehen, können sie - gerade bei verschiedenen Auffassungen - miteinander reden in klarem Bewusstsein ihres (je unterschiedlichen) Gebrauchs des zentralen Begriffs ihrer Wissenschaft. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass jede(r) einen eigenen Sportbegriff (erarbeitet und mitgeteilt) hat.

Eine "eigene" Definition von "Sport" zu erarbeiten, erschien mir schon seit Längerem aufgrund allgemeiner wissenschaftstheoretischer Überlegungen notwendig. Ich rang mich aber erst zu einem wirklichen Versuch durch, als ich mich mit Vorarbeiten zu einer Gesamtdarstellung der Sportgeschichte beschäftigte. Dabei musste ich die Begriffsfrage ernsthafter als vorher klären: Was genau verstand ich unter "Sport"?

In sport-historischen Veröffentlichungen war mir schon länger aufgefallen, dass viele Autoren sich - meist schon in den Vorworten - sehr schwer taten, das Wort Sport auf frühere Zeiten "anzuwenden"; ich nenne dies das Anachronismus-Syndrom. Sie begründeten ihre Bedenken meistens mit dem heutigen weiten, vieles früher nicht Existente mit-umfassenden Gebrauch des Sport-Begriffs. Damit begaben sie sich in eine begriffliche "Sackgasse"; denn mit welchen Worten sollten sie die damaligen Phänomene benennen? Und tauchen dann nicht weitere begriffliche Bedenken auf?

Dieses Begriffs-Dilemma kann ich nur vermeiden, indem ich prüfe, ob ich von "Sport" sowohl in der Gegenwart als auch in der Vergangenheit reden (und schreiben) kann. Dies wiederum setzt eine klare Begriffsbestimmung voraus.

Mit meiner Definition habe ich eine meines Erachtens brauchbare Lösung gefunden. Die Definition ist zwar ursprünglich aus der Untersuchung der gegenwärtigen Verhältnisse entstanden, aber aufgrund ihrer allgemeinen Formulierung kann man meines Erachtens auch das Wesen dessen erfassen, was (natürlich aus heutiger Sicht) in auch weit zurückliegender Zeit als "Sport" bezeichnet werden kann.

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Um die große Lücke zu füllen zwischen meinem engen Sport-Begriff und dem grenzenlosen Sportbegriff, der im Alltag und leider auch von den meisten SportwissenschaftlerInnen benutzt wird, schlage ich vor, ergänzend ein Wort mit größerem Bedeutungsumfang zu benutzen: "Bewegungskultur". Deshalb werde ich zukünftig, wenn ich den Bereich des heutigen Alltagsbegriffs "Sport" erfassen will, von "Bewegungskultur und Sport" sprechen. Einen Vorschlag zur Definition des Begriffs "Bewegungskultur" habe ich ebenfalls im Internet veröffentlicht und erläutert:

"Bewegungskultur" ist ein Tätigkeitsfeld, in dem Menschen sich mit ihrer Natur und Umwelt auseinandersetzen und dabei bewusst und absichtsvoll ihre insbesondere körperlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten entwickeln, gestalten und darstellen, um einen für sie bedeutsamen individuellen oder auch gemeinsamen Gewinn und Genuss zu erleben.

Wenn man "Sport" und "Bewegungskultur" als Begriffe so benutzt, wie ich vorschlage, ist unwichtig, wann und wie diese Worte bisher verwendet worden sind; denn mit (m)einer Definition kläre ich, wie ich ein Wort jetzt (und zukünftig) benutzen will, was es für mich hier und jetzt bedeuten soll.

Die viel diskutierten terminologischen Bedenken von SporthistorikerInnen (das von mir so genannte Anachronismus-Syndrom, unter dem insbesondere Autoren leiden, die zur antiken Sportgeschichte forschen) beruhen meines Erachtens darauf, dass diese Autoren sich nicht imstande gesehen (oder gescheut) haben, den Bedeutungsgehalt des Begriffs "Sport" (durch eine Definition) zu klären. Wenn man sich dieser - zugegeben: schwierigen - Aufgabe aber stellt, sind solche Bedenken überwindbar. Einige (insbesondere US-amerikanische) Autoren (wie MANDELL, POLIAKOFF und GUTTMANN) haben dies auf ihre (unterschiedliche) Weise gezeigt. Über die Brauchbarkeit einer jeden Begriffsbestimmung kann natürlich (und sollte gern) gestritten werden - mit wissenschaftlichem Anspruch.

Der bisher meines Erachtens klarste Vorschlag für eine Definition von "Sport" stammt von Meinhard VOLKAMER (1984): "Sport besteht in der Schaffung von willkürlichen Hindernissen, Problemen oder Konflikten, die vorwiegend mit körperlichen Mitteln gelöst werden, wobei die Beteiligten sich darüber verständigen, welche Lösungswege erlaubt oder nicht erlaubt sein sollen." Merkwürdig erscheint mir, dass VOLKAMER in seiner Fassung von 1987 die Bindung an verabredete Regeln aus seinem Definitionsvorschlag entfernt hat.

Ein (seltenes) Beispiel für die hoffentlich fortgesetzte Diskussion um einen Sport-Begriff (insbesondere für Sporthistoriker) ist die Kontroverse im ersten Heft der Zeitschrift "Sport und Gesellschaft - Sport and Society" von 2004 zwischen Christiane EISENBERG und Michael KRÜGER, in der Eisenberg - meines Erachtens zu Recht - Krüger (stellvertretend für die meisten übrigen deutschen Sporthistoriker und -wissenschaftler) vorhält, keinen klaren Sport-Begriff (zu haben und) zu benutzen. Sie hat mit einem (von mir nicht geteilten) Definitionsvorschlag die bisher sträflich vernachlässigte wissenschaftliche Diskussion gefördert.

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3. Erläuterung der einzelnen Elemente meiner "Sport"-Definition

Zur Klärung erläutere ich im Folgenden kurz die einzelnen Elemente meiner "Sport"-Definition:

"Tätigkeitsfeld": Dies ist das "genus proximum" für den zu definierenden Begriff "Sport". Tätigkeitsfeld (nicht: Tätigkeit!) soll klären, dass es sich bei "Sport" um einen abstrakten Sachverhalt handelt, nicht etwa um einen Gegenstand, Zustand o. ä. "Sport" ist auch kein Begriff für eine Tätigkeit, sondern ein Ober-Begriff (ein Feld) für viele Tätigkeiten. Schwimmen, Laufen oder Segeln sind nicht von vornherein gleich Sport, sondern sind Worte für bestimmte Tätigkeiten, die - nur in einer bestimmten Ausprägung!- zum (kulturellen) Tätigkeitsfeld Sport gehören können. In anderer Ausprägung können sie auch Worte für Alltagstätigkeiten sein; dann gehören sie zum Tätigkeitsfeld Alltag.

Wenn man eine Tätigkeit benennen will, muss man ein Verb (Tuwort) benutzen. Im Deutschen haben wir leider kein einfaches (etwa "sporten"), sondern nur ein zusammengesetztes: "Sport treiben" bezeichnet allgemein Tätigkeiten im Tätigkeitsfeld Sport (= sportliche Tätigkeiten). Durch die Zusammensetzung der Worte "Sport treiben" wird übrigens auch deutlich, dass "Sport" ein abstrakter Begriff ist, der ein Verb dazu braucht, die Tätigkeit in diesem Feld zu benennen (ähnlich im Englischen).

Dass die Handelnden Menschen (also z. B. nicht Tiere) sind, erscheint mir eigentlich selbstverständlich, muss aber doch klar formuliert werden; es gibt nämlich Autoren, die die These vertreten, auch Tiere betrieben "Sport" (bzw. "Leibesübungen", Neuendorff 1930; ähnlich argumentiert auch Weiler 1989). Dies wird durch die folgende Erläuterung zu "kulturell" hoffentlich noch deutlicher.

"kulturell": Auf der Grundlage der natürlichen Umstände und Bedingungen, die von den Menschen in historisch zunehmendem Ausmaß auch verändert (wurden und) werden, entwickeln die Menschen ihre Lebensformen kulturell / gesellschaftlich. In der Stammesgeschichte des "homo" bedeutet die Fähigkeit zur (Selbst-) Reflexion einen entscheidenden Schritt zur Entwicklung von Kommunikation, Sprache und freiem, spielerischem Denken. Erst nach diesem Entwicklungsschritt kann man von "Sport" (und anderen kulturellen Tätigkeitsfeldern wie "Kunst") reden. Kultur ist die bewusste, reflektierte Gestaltung der eigenen Entwicklung, sowohl auf der Ebene der menschlichen Gattung als auch auf der des einzelnen Menschen.

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"freiwillig": Dieses Kriterium schließt solche Menschen aus, die unter Druck oder Zwang handeln, auch wenn sonst ihre Tätigkeit alle übrigen Kriterien für Sport erfüllt, z. B. die meisten Gladiatoren in römischen Arenen (siehe dazu unten die Bemerkungen zu "auf Grundlage der gesellschaftlich akzeptierten ethischen Werte"!) .

Freiwilligkeit sollte übrigens nicht mit Freudigkeit (o. ä.) verwechselt werden! Der gegenwärtig so genannte "Schulsport" gehört beispielsweise, obwohl er von vielen als freudvoll erlebt werden kann, für mich nicht zu Sport, insoweit er Bestandteil des Pflichtunterrichts ist (Schulpflicht, Schulzwang!), also nicht freiwillig. Der alte Begriff "Leibeserziehung" war da ehrlicher.

Auch bei der Bundeswehr (und anderen geschlossenen, Zwangs-Institutionen) sollte man nicht von "Dienstsport" reden, insofern diese Tätigkeit zum Dienst gehört, also nicht freiwillig ausgeübt wird; Fitnesstraining wäre schon angemessener; noch ehrlicher wären wohl die Begriffe Kampftraining oder (para-) militärisches Training, sofern Bewegungsformen mit Waffen geübt werden.

Außerhalb von Schulunterricht, Militärdienst usw. können dieselben Menschen selbstverständlich Sport treiben, eben freiwillig; aber innerhalb solcher Zwangssysteme sollte man auf diesen Etikettenschwindel verzichten. Pflichtsport ist für mich ein Widerspruch in sich.

Die möglicherweise anfangs gegebene und erlebte Freiwilligkeit können (bzw. müssen) Sportler und Sportlerinnen unter den Bedingungen des "Profitums" allmählich aufgeben bzw. verlieren. Der so genannte "Profi-Sport" funktioniert weitgehend wie ein Zwangssystem, aus dem die Menschen zumindest nicht einfach und leicht "aussteigen" können. Diese Umstände legen manchmal die (in meinen Augen richtige) Aussage nahe: "Das ist doch kein Sport (mehr)!" Auch der häufige Vergleich (bzw. genauer: die Gleichsetzung) heutiger Berufssportler mit antiken Gladiatoren hat hierin seine (eingeschränkte) Berechtigung.

"sich in eine Beziehung zu anderen Menschen begeben": Ein vereinzelter Mensch ohne Beziehung zu anderen ist (schon biologisch) kaum lebensfähig. Gesellschaftlich-kulturelles Leben ohne menschliche Beziehungen wäre ein Widerspruch in sich. Über diese (banale) Grundeinsicht hinaus wird eine "sportlich" zu nennende Tätigkeit dadurch erst begründet, dass ein Mensch sich in diesem Tätigkeitsfeld durch dieses sein Tun mit (zumindest einem anderen) Menschen in eine besondere, vergleichende (siehe dazu unten die Bemerkungen zu "vergleichen"!) Beziehung begibt.

Vergleichende Beziehung bedeutet für mich, dass sie nur für Menschen untereinander gilt als prinzipiell gleiche Wesen. Mit einem Berg beispielsweise kann sich kein Mensch vergleichen, auch wenn umgangssprachlich "der Berg" als (sportlicher?!) "Gegner" bezeichnet wird, sogar von sonst seriösen Sportwissenschaftlern (wie von Güldenpfennig). Für mich ist das keine "Beziehung", sondern ein "Verhältnis" (zu einem Ding).

Wer seine eigenen körperlichen (Bewegungs-) Leistungen trainiert und miteinander vergleicht mit dem Ziel, sie möglichst zu übertreffen, hat keine Beziehung zu einem anderen Menschen. Das ist natürlich legitim, aber er treibt nicht Sport in meinem Sinne, sondern Bewegungskultur: Ein solcher Mensch setzt sich mit seiner Natur (und Umwelt) auseinander und entwickelt bewusst seine insbesondere körperlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten, um einen für ihn bedeutsamen Gewinn und Genuss zu erleben. Dies entspricht genau meiner Definition von "Bewegungskultur". Und es ist nicht weniger gut, hat auch nichts Abwertendes, sondern ist einfach nur etwas anderes als Sport (in meinem Sinne).

Eine Beziehung mit einem anderen Menschen kann auch über zeitliche und örtliche Grenzen hinweg innerlich, in der Vorstellung aufgenommen werden, mit einem Menschen an einem ganz anderen Ort, sogar mit einem nicht mehr lebenden Menschen (als Vorbild oder Konkurrent). Eine solche mittelbare, innere Beziehung liegt dem Rekord-Prinzip im Sport zu Grunde, nach dem es um das Ziel geht, irgendwann schon einmal erreichte Leistungen, über die ein glaubwürdiger Bericht (das ist die ursprüngliche Bedeutung des englischen Worts "record") vorliegt, zu übertreffen.

Meines Erachtens ist das "Rekord-Prinzip" im Sport verzichtbar. Es kommt grundsätzlich nicht darauf an, eine Leistung zu erbringen, die bisher nicht übertroffen worden ist (Superlativ), sondern im konkreten Vergleich hier und jetzt eine bessere als die Konkurrenten (Komparativ). Die Fixierung auf das Erreichen immer neuer Höchst- und Bestleistungen (Rekorde) ist nicht nur für die SportlerInnen gesundheitsgefährdend, sie ist auch allgemein nicht gut für die Gesellschaft (vergleiche meinen Vortrag "Zum Umgang mit Zeit und Geschichte im Sport - wider die Rekordsucht").

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Im Wettkampf selbst, in dem das Hier-und-Jetzt-Prinzip gilt, ist die Beziehung unmittelbar: Die anderen Menschen sind mir bekannt, zeitlich und räumlich nah (und ich ihnen), der angestrebte Vergleich findet direkt mit ihnen statt.

Das Aufnehmen einer Beziehung zu einem anderen Menschen und die damit verbundenen Absichten und Ziele sind - als psychische Prozesse - in den einzelnen, konkreten Handlungen von außen nicht immer einfach zu erkennen, manchmal überhaupt nicht. Die Absichten und Ziele sind aber meines Erachtens entscheidend für die Beziehung der beteiligten Menschen und damit dafür, ob ihre Handlungen im Tätigkeitsfeld Sport anzusiedeln sind oder nicht. Deshalb muss man den (sozialen und) psychischen Zusammenhang genau betrachten.

Ein Beispiel: Wenn ich sprinte, um einen Bus noch zu erwischen, handle ich nicht sportlich. Die Handlung des Sprintens mag von außen betrachtet (fast) dieselbe sein wie die eines Sportlers beim Training oder Wettkampf; aber mein Sprint zum Bus geschieht nicht, um mich - auf der Ebene dieser Handlung! - mit anderen Menschen in eine (vergleichende) Beziehung zu begeben. Beim sportlichen Training oder im Wettkampf hingegen sprinte ich, um mich - auf der Ebene dieser Handlung! - mit anderen Menschen in eine (vergleichende) Beziehung zu begeben.

Vielleicht werden die Bedeutungs-Grenzen noch klarer, wenn ich das eben angeführte Beispiel gedanklich auf die Spitze treibe: Wenn ich beim Sprint zum Bus von der anderen Seiten einen anderen Menschen aus gleicher Entfernung ebenfalls zum Bus sprinten sähe und mich mit ihm irgendwie verständigte, wir könnten beide darum streiten, wetteifern, wer von uns eher die Bustür erreichte, dann wären alle Definitionselemente für "Sport" gegeben: Aus dieser kleinen Alltagssituation hätten wir beide eine kleine, flüchtige Sportsituation gemacht.

Bei vielen Tätigkeiten, die umgangssprachlich und pauschal dem (Tätigkeitsfeld) Sport zugerechnet werden, fehlt überhaupt schon das Beziehungs-Element auf der Tätigkeitsebene selbst, und / oder es fehlt das Ziel des Vergleichs nach Regeln (siehe dazu weiter unten!), zum Beispiel beim Bewegungstraining zum Zwecke der Rehabilitation (so genannter "Gesundheitssport"!), beim Joggen (außer als Training für einen Wettkampf), Jonglieren, Tanzen (ausgenommen Turniertanzen), Fitnesstraining oder "Body-Shaping"; sie sind deshalb für mich nicht sportliche Tätigkeiten, auch wenn die Menschen bei oder mit dieser Tätigkeit möglicherweise eine andere Beziehungsart (z. B. Geselligkeit) leben. Die Beziehung zu (mindestens) einem anderen Menschen muss für die Tätigkeit selbst notwendig sein, in ihr und durch sie gelebt werden, und sie muss die weiteren Definitionselemente enthalten (Absicht des Vergleichens usw.), wenn die Tätigkeit zum Tätigkeitsfeld "Sport" gehören soll. Die eben aufgezählten und viele weitere Tätigkeiten gehören für mich überwiegend zum Tätigkeitsfeld "Bewegungskultur".

Die Grenzen sind allerdings nicht starr. Man kann eben - wie im Beispiel (Sprint zum Bus) gezeigt und in der Kulturgeschichte z. B. des Tanzens und des Turnens feststellbar - vieles zu einer sportlichen Tätigkeit machen, "versporten".

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"Fähigkeiten": Die unterschiedlich begabten Menschen haben bzw. entwickeln unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten in unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern, so auch im Sport. Der Begriff Fähigkeiten bezeichnet eher allgemeine, umfassende Handlungsmöglichkeiten, die auf Begabung, genetischer "Ausstattung", Konstitution, Übung und Erfahrung beruhen können, z. B. reaktionsschnell oder gelenkig oder ausdauernd sein oder eine komplexe Situation schnell und richtig einschätzen können.

Die teils erheblichen Unterschiede in den Handlungsmöglichkeiten verschiedener Menschen - angeboren oder erworben - haben im Sinne eines "fairen" Vergleichs der "Bewegungskunst" (siehe unten!) im Laufe der Kulturgeschichte zu unterschiedlichen Klassifizierungen der Konkurrierenden geführt, insbesondere nach Alter, Körpergewicht, Geschlecht und Art einer Behinderung (in dieser historischen Reihenfolge).

Da jede solche Klassifizierung eine (willkürliche) Regelung (siehe unten!) darstellt, kann und sollte über sie gestritten werden. Dass zum Beispiel nicht (auch) nach Körperlänge klassifiziert wird, führt dazu, dass in einigen Sportarten kleine Menschen kaum eine Chance haben gegenüber großen (und manchmal umgekehrt); ich halte dies für problematisch; es kann aber (auch) geregelt werden.

"Fertigkeiten": Dieser Begriff bezeichnet speziellere Handlungsmöglichkeiten, kleinere Handlungs-Elemente, die insbesondere durch intensives Üben (Training) erworben / entwickelt werden können, z. B. sicher mit Hanteln umgehen, einen Salto springen oder (beim Segeln) eine schnelle Wende / Halse fahren können.

Es war zumindest früher möglich, dass (erwachsene) Menschen allein aufgrund ihrer natürlichen und kulturellen Lebensumstände über bestimmte Bewegungs-Fähigkeiten bzw. -Fertigkeiten so hohen Niveaus verfügten, dass sie ohne zusätzliche besondere Trainingsanstrengung sportlich nicht nur konkurrenzfähig, sondern Menschen aus anderen kulturellen Bereichen überlegen waren, z. B. der äthiopische Marathonläufer Bikila Abebe 1960 in Rom (damals sogar barfüßig) und noch 1964 in Tokio (dann allerdings mit Laufschuhen).

Im Allgemeinen - auch bei Bikila Abebe, allerdings auf eine kulturell andere Weise - besteht die Entwicklung sportlicher Handlungsmöglichkeiten aus einem langen Prozess des Lernens, Übens, Trainierens, meist unter Anleitung. Dies ist schon in früheren Zeiten und Kulturen meist so gewesen.

Es gab aber auch "Naturtalente", die - nur scheinbar - "einfach so" in den von Europäern (und US-Amerikanern) entwickelten "Sportarten" konkurrenzfähig gewesen wären. Anfang des 20. Jahrhunderts stellten europäische Kolonisatoren beispielsweise im heutigen Ruanda erstaunt fest, dass es bei den "Watussi" (heute: Tutsi) viele junge Männer gab, die Höhen übersprangen, die weit über damaligen Hochsprung-"Weltrekorden" lagen. Diese Fähigkeit erwarben sich die jungen Tutsi aber nicht für einen (sportlichen) Wettkampf, sondern als Beweis ihrer erworbenen Mannbarkeit. Es war eine gesellschaftlich verankerte Form von Bewegungskultur. (Vgl. meinen Vortrag "Sport-Bilder - ihre Bedeutung für Sport-Historiker".)

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"in der Bewegungskunst": Jede Tätigkeit hat einen - wenn auch möglicherweise geringen und äußerlich kaum wahrnehmbaren - Bewegungs- (motorischen) Anteil. Eine Kennzeichnung des zu definierenden Tätigkeitsfelds nur mit dem Begriff Bewegung wäre darum wenig trennscharf.

Mit dem Wortteil (Bewegungs-) "-kunst" will ich auf eine abstufende Betrachtung der Qualität der Bewegung hinweisen, durch die eine Abgrenzung insbesondere von alltäglichen Bewegungen deutlich wird. Statt "in der Bewegungskunst" könnte ich auch "in der gekonnten Bewegung" sagen. "Kunst kommt von Können" - dieses Sprichwort ist beim Wortbestandteil "Kunst" in meinem Kopf gewesen, und nicht etwaige ästhetische Bedeutungs-Möglichkeiten von Kunst. Der Punkt, an dem Art, Ausmaß und Bedeutung der (gekonnten) Bewegung hinreichen, um eine Tätigkeit als sportlich zu bezeichnen, ist damit nicht festgelegt, sondern bleibt in dieser Definition offen; hierüber kann und muss diskutiert und gestritten werden.

Es muss auf die gekonnte Bewegung ankommen, sie muss im Mittelpunkt der Tätigkeit stehen. Wieviel Kalorien dabei verbraucht werden, ist nicht wesentlich. Der Satz "Sport ist, wenn man schwitzt und hinterher duscht." bleibt ein netter Definitionsscherz.

So zählt zum Beispiel Schachspielen für mich nicht zum Sporttreiben, da es beim Schachspielen auf Fähigkeiten und Fertigkeiten im Gebiet der Bewegungskunst nicht wesentlich ankommt, sondern auf die gedanklich-strategische und -taktische Tätigkeit. Schachspieler hoher Könnensstufen brauchen sich so gut wie überhaupt nicht zu bewegen; sie brauchen sich nur gegenseitig zu sagen "e2-e4" und "e7-e5" usw., um eine Partie Schach nach allen Regeln der Kunst zu spielen (z. B. im Fernschach). Dass Schachspieler sich bei ihren Wettkampfspielen auch körperlich beanspruchen und sich deshalb manchmal auch einem Konditionstraining unterziehen, ändert nichts daran, dass es auf ihr Bewegungshandeln nicht wesentlich ankommt. Bei Turnieren mögen sie in Schweiß geraten, aber das bleibt im Rahmen alltäglicher leiblicher Belastung, die mit trainierter Kondition eben besser auszuhalten ist.

Das "Klötzchenschieben" der Schachspieler bleibt im Bereich der Alltagsbewegungen, ist ja sogar grundsätzlich verzichtbar und jedenfalls nicht im Gebiet der Bewegungskunst anzusiedeln. Auch beim "Blitzen" kommt es nicht wesentlich auf die Bewegung an. Es ist natürlich hilfreich, mit konzentrierter Bewegung die Uhr des Gegners so schnell wie möglich in Gang bringen zu können; entscheidend bleibt aber die geistige Leistung, die richtigen Züge zu machen.

Nur der sogenannte Bestandsschutz verhindert übrigens, dass der deutsche Schach-Spitzenverband als Mitglied des Deutschen (inzwischen "Olympischen") Sportbundes ausgeschlossen wird. Allen Beteiligten ist wohl klar, dass Schachspielen keine Sportart ist. Nachdem das Internationale Olympische Kommittee (IOC) außer Schachspielen sogar Bridgespielen als Sportart anerkannt hat, hat es für mich spätestens jede Glaubwürdigkeit als "Hüter" der Idee des Sports verloren (auch wenn ich selbst gern Schach und Bridge spiele).

Ein etwas anders gelagerter Grenzfall ist der "Motorsport", insbesondere der "Automobilsport". Hier scheint es zu einem bedeutsamen Teil auf die Qualität des Geräts anzukommen, das den Fahrern zur Verfügung steht (ähnlich übrigens auch im "Pferdesport", siehe unten). Als Michael Schumacher, "Rekordweltmeister" in der Formel 1, in der Saison nach seiner letzten Titelverteidigung fast nie mehr in der Spitze mitfahren konnte, weil sein (neues) Gerät offensichtlich schlechter als die der Konkurrenten war, zeigte sich, dass es im "Automobilsport" (zumindest in der Formel 1) wohl doch zum größeren Teil auf das Gerät ankommt als auf den Fahrer, der (damals) auch von seinen Konkurrenten nach wie vor als der (eigentlich) Bessere geachtet wurde. Weil es für mein Sportverständnis aber auf die menschliche Bewegungskunst ankommen muss, zähle ich Autorennen nicht zu den Sport-Ereignissen.

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Ähnlich fragwürdig scheint es mir beim Dressur- und Springreiten, wo oft die Klasse des Pferdes den Vergleich bestimmt. Man denke nur an die "Wunderstute" Halla, die 1956 in Stockholm den verletzten und schwer sedierten Hans Günther Winkler im zweiten Umlauf des Springreitens fehlerlos zum Gewinn der Goldmedaille ins Ziel trug, oder an das dereinstige "Wunderpferd" Totilas, das seinem neuen (Dressur-) Reiter Matthias Rath den Sieg garantieren sollte - solange es denn gesund war.

Das sportliche Prinzip könnte in solchen Wettbewerben beispielsweise dadurch "gerettet" werden, wenn sich zumindest die für einen Endkampf (zum Beispiel der letzten Vier) qualifizierten Menschen mit allen jeweils anderen Geräten bzw. Pferden bewähren müssten. Beim Reiten hat es eine solche Regel übrigens früher schon einmal gegeben.

Beim Flachrennen von Pferden werden ehrlicherweise die jeweiligen Pferde als "Sieger" benannt, die (wechselnden) Jockeys erst in zweiter Linie; das ist offensichtlich keine Sportart im Sinne meiner Definition, auch wenn sich die Betreiber und Fans traditionell (mit nostalgischer, obsoleter "historischer" Begründung) dem Sport zurechnen.

Häufig ist mir - gerade mir, einem ausübenden Geiger und Bratscher! - entgegengehalten worden, Musiker müssten mit ihren Instrumenten doch höchste Bewegungskunst praktizieren, sie begäben sich in Beziehung zu anderen Menschen, auch dort würden Leistungsvergleiche angestrebt und organisiert usw., kurz: Nach meiner Definition sei Musizieren mit Instrumenten doch wohl auch zum "Sport" zu rechnen. Dem steht - trotz der Richtigkeit der einzelnen Aussagen - entgegen, dass das Bewegen für Instrumentalmusiker Mittel zum Zweck ist, dass der Sinn des Musizierens nicht in der (gekonnten) Bewegung besteht, sondern dass die Bewegung beim Musizieren dazu dient, (wohl klingende) Töne zu erzeugen, wie übungsbedürftig, anstrengend und schweißtreibend auch immer diese Tätigkeit sein mag.

Beim Sport kommt es darauf an, durch gekonnte Bewegung(en) eine vorher verabredete und geregelte Anforderung zu meistern (und dabei möglichst besser zu sein als die anderen); die leibliche (vielleicht besser als "körperliche"!) Bewegungskunst ist das Bestimmende, das, worauf es ankommt. Das Ausmaß der leiblichen Bewegung ist damit nicht festgelegt.

Ein in Diskussionen mit mir häufig strittiges Gebiet ist beispielsweise auch die Frage, ob (die olympische "Sportart") Schießen nach meiner Definition zum Sport zu zählen ist oder nicht - abgesehen vom Schießen der Jäger, Soldaten, Polizisten o. ä. natürlich. Die Tatsache, dass es beim Zielen wesentlich darauf ankommt, Bewegung zu kontrollieren, mit der Tendenz, sie weitgehend einzuschränken (besonders deutlich beim Biathlon, wenn die vom Laufen angestrengten AthletInnen gegen ihre vom heftigen Atmen verursachten Bewegungen ankämpfen), spricht scheinbar dafür, Schießen als nicht in die Definition passend anzusehen. Für mich ist es aber eine besondere Kunst, die leibliche Bewegung so zu steuern, so gekonnt zu beherrschen, dass dabei eine erfolgversprechende Situation herbeigeführt wird, die ich zum Treffen des Ziels nutzen kann. Auf das von außen sichtbare Ausmaß der gekonnten Bewegung kommt es hier (beim Schießen) und grundsätzlich nicht an. Wer sich je im Sportschießen (mit Pistole oder Gewehr) versucht hat, wird das bestätigen; beim Schießen auf bewegliche Ziele (Trap) sowie beim Bogenschießen werden dies wohl auch die Laien nachvollziehen können. Ähnlich kann man auch im Hinblick auf die "Halte-" und "Stand-" Teile beim Turnen oder Eiskunstlaufen argumentieren.

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"sich vergleichen": Die Menschen mit ihren Fähigkeiten und Fertigkeiten können und wollen (offenbar in fast allen Kulturen) sich auch auf dem Gebiet der Bewegungskunst mit anderen Menschen vergleichen, um in verschiedenen Tätigkeitsweisen, die kulturell um der besseren Vergleichbarkeit willen entwickelt wurden und noch werden ("Sportarten"), den Besseren zu ermitteln. Dies geschieht naturgemäß in Form eines direkten geregelten Vergleichs ("Wettkampfs") an einem bestimmten Ort zur selben Zeit (mit oder ohne Zeugen und/oder "Schiedsrichter").

Seit dem 19. Jahrhundert sind auch indirekte Vergleichs-Systeme entwickelt worden, die zunehmend mehr Individuen oder Gruppen in Konkurrenz zueinander brachten und die nicht auf eine punktuelle, sofortige Entscheidung angelegt waren / sind. Dafür haben die Menschen verschiedene Formen von Vorausscheidungen, Herausforderungs- oder Qualifikationswettkämpfen entwickelt, zunächst vor allem in den Mannschaftssportarten (Ligen, Rundenspiele o. ä.), dann auch in den Einzelsportarten. Die Formen solcher Vergleiche machen den empirischen Reichtum der Sportgeschichte aus. Welche Motive hinter den einzelnen handelnden Menschen oder den sie tragenden gesellschaftlichen Gruppen standen, welche Bedeutung diese Vergleiche für sie hatten, sind ebenfalls interessante historische und aktuelle Begleitumstände.

Das bloße Zurschaustellen noch so hoch entwickelter Fähigkeiten und Fertigkeiten auf dem Gebiet der Bewegungskunst (zum Beispiel Artistik im Zirkus) ist für mich keine sportliche Tätigkeit, weil (bzw. insofern, als) hierbei die vergleichende Beziehung zu mindestens einem anderen Menschen bei dieser Tätigkeit fehlt bzw. nicht wesentlich ist. Es gibt ja viele ehemalige (Spitzen-) SportlerInnen, die in den Showbereich gewechselt sind (zum Beispiel EiskunstläuferInnen); sie wechseln nach meinem Begriffsverständnis vom "Sport" zur "Bewegungskultur". Sie führen ihre hohe Bewegungskunst vor, ohne dass sie damit primär Vergleiche mit anderen Menschen anstrebten. Man kann zwar auch verschiedene dieser Artisten miteinander vergleichen, der Vergleich ist dann aber von außen an sie herangetragen und liegt nicht wesentlich in ihrer eigenen Tätigkeit.

Da eigenes Handeln notwendiger Bestandteil meiner Definition ist, sind auch alle diejenigen keine "Sportler", die nur andere Menschen zu einem Vergleich im Gebiet der Bewegungskunst anstiften, wie es z. B. die englischen "gentlemen" in der spät-feudalistischen, früh-kapitalistischen Zeit taten ("Patronatssport"). Sie ließen ihre Bediensteten oder andere (bezahlte) Menschen gegeneinander antreten (im Laufen, Reiten, Segeln etc.) und wetteten auf den Ausgang (daher Wettkampf!). Es mag irritieren, dass gerade diese ihre delegierende Handlungsweise ("sportsmanship") kulturgeschichtlich der Ursprung für den (frühen, englischen) Begriff "Sport" ("sports") war. Andere Menschen für sich handeln zu lassen, ist immer noch vereinzelt ein historisches Überbleibsel im heutigen "Sport", wenn z.B. die Eigner großer (und teurer, aber entsprechend den Regeln über Konstruktion und Ausrüstung vergleichbarer) Segelyachten zu Regatta-"Siegern" erklärt werden, selbst wenn sie gar nicht mit an Bord waren. Sportler sind sie damit für mich jedenfalls nicht. Als aktives Mitglied ihrer Crew sind sie es selbstverständlich.

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"nach selbstgesetzten oder übernommenen Regeln": Da es beim Sport um freiwillige Tätigkeiten sowie um einen Vergleich der Bewegungs-Fähigkeiten und -Fertigkeiten geht, müssen sich die Menschen in diesem Tätigkeitsfeld vereinbaren, auf Regeln einigen oder bewährte übernehmen, nach denen der Bessere, der Gewinner des Wettstreits, ermittelt und festgestellt werden soll. Ohne eine solche Verabredung - für mich selbstverständlich auf der Grundlage des Respekts vor dem eigenen und fremden Leben (siehe unten!) - würde aus Sport leicht ein zügelloser, vernichtender Kampf, Krieg (vgl. meinen Beitrag "Gewalt, Kampf und Aggression in Sport und Bewegungskultur"). Es spricht übrigens viel für die Annahme, dass der todernste Zweikampf ein "Vorgänger" des Sports ist, der im Laufe der kulturellen Entwicklung eben durch Regel-Eingrenzung "entschärft", "gezähmt" worden ist.

Die vereinbarten Regeln können noch so skurril erscheinen, für Außenstehende nur schwer verständlich sein; sobald sie allen beteiligten Handelnden einsichtig und von ihnen akzeptiert sind, konstituieren sie für sie ein eigenes (kulturelles) Tätigkeitsfeld - eben Sport -, in dem dann auch mit regeln-ausnutzender Härte um den "Sieg" gestritten, gekämpft wird.

Die in diesem Zusammenhang oft beschworene "Fairness" ist ein weiterer zu klärender Begriff, der meines Erachtens oft kulturgeschichtlich falsch verortet und darüber hinaus übermäßig moralisch aufgeladen wird. Der Kern von Fairness ist für mich, nicht nur aus kulturgeschichtlichen Gründen, die Regelhaftigkeit und die sich daraus ergebende Berechenbarkeit, Verlässlichkeit, aufgrund derer alle Beteiligten Handlungssicherheit erlangen, wenn sie um den Sieg streiten (oder um materiellen Vorteil beim Tauschhandel; das englische Wort "fair" heißt immer auch noch "Messe", bei der Waren ausgestellt und getauscht, gehandelt werden). (Vgl. meinen Beitrag "Ist Fairneß noch gefragt? Vom Ethos des Sports (Statement)". In: Menschen im Sport 2000. Statements zum Kongress „Menschen im Sport 2000“, Berlin, 5. - 7. 11. 1987. Hrsg.: DSB. Frankfurt: Selbstverlag 1988. S. 49 - 51. Vorabdruck in: Hochschulsport, Darmstadt, 15 (1988) 2/3, S. 4 - 5.)

"auf Grundlage der gesellschaftlich akzeptierten ethischen Werte": An diesem Definitions-Element habe ich lange "geknackt", und ich war lange Zeit nicht ganz zufrieden. Zunächst hieß meine Formulierung "ohne sie oder sich selbst schädigen zu wollen". Ich wollte damit deutlich machen, dass ich jede absichtliche Schädigung ausschließen will. Beim Sporttreiben kann es aus Unachtsamkeit und in unglücklichen Situationen, "im Eifer des Gefechts", zu Schädigungen kommen; das ist ethisch aber kein grundsätzliches Problem. Wichtig ist nur, dass keine Absicht vorliegt, auch keine bewusste Fahrlässigkeit, kein billigendes Inkaufnehmen. Dies sollte immer (selbst-) kritisch und gründlich geprüft und geklärt werden, notfalls auch durch Schiedsrichter. Im besten Fall - und erfreulicherweise nicht selten - gelingt dies, indem die Beteiligten sich direkt hinterher kurz (oft ohne Worte, mit Blicken und Gesten) verständigen und sich (zum Beispiel mit einem versöhnlichen Handschlag) friedlich trennen, um nach dieser guten Klärung wieder unbelastet und mit regelnausnutzender Härte um den Erfolg im sportlichen Wettstreit zu kämpfen.

In einer der vielen Diskussionen um den Sportbegriff ist mir deutlich geworden, dass es allgemeiner und besser ist, sich auf (allgemeine) ethische Werte zu beziehen, und dass der Zusatz "gesellschaftlich akzeptierte" die Normen als kulturell dynamisch bezeichnet, ihre ständige Veränderung (hoffentlich gute Weiter-Entwicklung!) deutlich macht, sowohl innerhalb einer bestimmten Gesellschaft als auch im Vergleich verschiedener Gesellschaften (vgl. das Beispiel Pankration!).

Allgemein gilt in (fast) allen Gesellschaften, dass niemand einen anderen Menschen absichtlich schädigen darf. Dies gilt insbesondere auch für das Verantwortungs-Verhältnis, das Erwachsene (Eltern, Trainer usw.) gegenüber Kindern und Jugendlichen haben.

Meine frühere Formulierung, die ausdrücklich auch die Selbstschädigung thematisierte, war insbesondere vom Dopingproblem bestimmt. Das Dopen und andere mögliche Formen der Selbstschädigung sind aber auch durch die neue, allgemeinere Formulierung ausgeschlossen (sowie teilweise durch den Bezug auf das sportartenspezifische Regelwerk). Allerdings gibt es auf diesem Gebiet leider skandalöse Verdrängungs- und Vertuschungsbemühungen sowie zu schwache Kontroll- und Sanktionsmöglichkeiten.

Auch im Tätigkeitsfeld Sport gelten selbstverständlich zunächst einmal die allgemeinen ethischen Normen; die in den Sportarten je besonders verabredeten "Regeln" stellen weitere, ergänzende Normen dar. Regelhaftigkeit ist ein notwendiges, aber nicht hinreichendes Bestimmungsmerkmal für Sport; sie allein begründet noch nicht einen ethischen Standard (siehe unten die Bemerkungen zum Boxen), wie er gesellschaftlich allgemein akzeptiert bzw. einzufordern ist.

In sport-ethischen Fragen ist für mich offen und zu diskutieren, ob hier auch der juristische Grundsatz gilt "lex specialis derogat legi speciali", d. h., ob eine spezielle Sportart-Regel den allgemeinen Regeln vorangeht, sie aushebelt. Ein Beispiel sind die derzeit geltenden Box-Regeln, nach denen es "erlaubt" ist, seinen Kampfgegner (schwer) zu verletzen (siehe unten!). Ich denke, dass dieser juristische Grundsatz im Sport nicht gelten sollte. Diese Frage sollte aber allgemein und in jedem Einzelfall intensiv und verantwortlich dikutiert werden.

Ein positives Beispiel für den Primat allgemeiner ethischer Normen gegenüber nur von der Sportart begründeten Regeln ist im Segelsport - übrigens ähnlich wie in der Straßenverkehrsordnung - das Gebot, nach Möglichkeit ein "Manöver des letzten Augenblicks" zu fahren, auch wenn man nach den Vorfahrtsregeln das Recht hätte, seinen Kurs beizubehalten. Der Sinn ist offensichtlich, niemand zu schädigen. Wer diese allgemeine, übergeordnete Regel (ohne Not) nicht befolgt, wird trotz seines "Wegerechts" für die folgende Kollision mit-verantwortlich gemacht und möglichweise disqualifiziert.

Sportartspezifische Regeln sind je nach Sinn und Tradition einer Sportart manchmal ethisch problematisch, insbesondere in Kampf- und Risikosportarten. Boxen ist zum Beispiel für mich ein ethisches Grenzgebiet, weil es nach den gegenwärtigen Regeln zum Sinn des Boxens gehört, den Gegner mit regelnausnutzender Härte tendenziell kampfunfähig zu machen und damit auch für die Gesundheit schwer wiegende Folgen (bis zum Tod) für sich selbst und den Gegner billigend in Kauf zu nehmen. Zahlreiche Todesfälle direkt "im Ring" und noch zahlreichere Fälle von schwerer gesundheitlicher Schädigung von Boxern sind für mich hinreichend, Boxen in der derzeitigen Form nicht als Sport zu begreifen.

Dabei könnten die Regeln von den (internationalen) Boxverbänden so geändert werden, dass diese schweren Begleitumstände bzw. Folgen entscheidend gemildert würden, zum Beispiel durch Veränderung der Boxhandschuhe. Erst dann könnten wir unseren Kindern guten Gewissens empfehlen, diesen erst nach grundsätzlicher "Entschärfung" möglicherweise sehr interessanten Sport auszuüben. Die halbherzigen Regelungen eines (in seiner Wirksamkeit umstrittenen) Kopfschutzes haben das Gesundheitsrisiko offenbar nicht entscheidend verringert.

Vor ungefähr vierzig Jahren hat es einen völlig verdrängten, meines Erachtens revolutionären Vorstoß von Seiten der UdSSR-Box-Organisation gegeben, durch Veränderung der Handhaltung in den Boxhandschuhen (in der Skizze oben) die kinetische Energie (und damit die Wirkung) der geraden Schläge auf schätzungsweise 5 Prozent herabzusetzen. Dafür wurden neue Boxhandschuhe vorgeschlagen, in denen die Mittelhand leicht nach oben gewinkelt und die Fingerglieder leicht gekrümmt in einer offenen Stellung im Handschuh gehalten würden (Quelle: Bericht der Tageszeitung "Unsere Zeit" (uz) vom 29. 09. 1978).

Boxhandschuhe

Mit dieser Regeländerung wäre die Gesundheitsgefährdung der Boxer durch zahlreiche kleine Gehirnerschütterungen erheblich reduziert worden. Das Boxen wäre in Richtung des Fechtens verändert worden, bei dem ja auch nur symbolische Treffer, relativ leichte Berührungen, erzielt werden, die mit hohem technischem Aufwand festgestellt werden.

Dieser Vorschlag ist leider nicht aufgegriffen bzw. abgelehnt worden. Man darf also vermuten, dass der Mehrheit der Box-Verantwortlichen (selbst im Amateur- und Jugend-Bereich, um den es damals "nur" ging!) daran gelegen war (und weiterhin ist), dem Boxen den fragwürdigen "Reiz" erheblicher Gesundheitsgefährdung zu erhalten.

Historisch ist meines Erachtens beim römischen Gladiatorenwesen die ethische Grenze des Verbots der Fremd- bzw. Selbstschädigung von vornherein klar überschritten, und zwar auch dann, wenn es sich bei den Gegnern um Freiwillige gehandelt hat (was durchaus vorgekommen ist). Die Gladiatur sollte deshalb meines Erachtens in Darstellungen zur Sportgeschichte nicht behandelt werden; denn auch zur Bewegungskultur kann ich sie nicht zählen.

In manchen sogenannten "Risikosportarten" wird die Grenze der Selbstschädigung meines Erachtens auch erreicht bzw. überschritten.

Über die konkrete Grenzziehung kann und muss auch bei diesem Bestandteil meiner Definition in jedem Fall gestritten (argumentiert) werden; jede(r) wird die Grenze woanders ziehen wollen, sollte aber - gerade als Wissenschaftler(in) - seine (ihre) Motive und Gründe dafür offenlegen.




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4. Ausgewählte Literatur zum Begriff "Sport" und seiner Definition:

(Vgl. die ausführlichere Liste!)

  • BALE, John: Imagined Olympians. Body Culture and Colonial Representation in Rwanda. Minneapolis, London: University of Minnesota Press 2002.

  • BALZ, Eckart: Sport oder Bewegung - eine Frage der Etikettierung? In: dvs-Informationen, Hamburg, 15 (2000), Heft 4, S. 8 - 12.

  • BERNETT, Hajo: "Sport". In: Lexikon der Pädagogik. Freiburg/Brsg.: Herder 1971. Bd. 4, S. 144.

  • BERNETT, Hajo: "Sport (sports)". In: Sportwissenschaftliches Lexikon. 1. Aufl., Hg.: P. Röthig, Schorndorf (Hofmann) 1972, S. 212.

  • BERNETT, Hajo: Wehrsport - ein Pseudosport. Stellungnahme zu Hermann Bach. In: Sportwissenschaft, Schorndorf, 11 (1981) 3, S. 295 - 308.

  • COURT, Jürgen (Hrsg.): Was ist Sport? Sportarten in der Literatur. Schorndorf: Hofmann 2001.

  • DIEM, Carl: Wesen und Lehre des Sports. Berlin, Frankfurt/M.: Weidmannsche Verlagsbuchhandlung 1949.

  • DIGEL, Helmut (Hrsg.): Sportwissenschaft heute. Eine Gegenstandsbestimmung. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1995 (= WB-Edition Universität; 1).

  • DREXEL, Gunnar: "Denk darüber nach, was der Sport 'ist'!" und: "Schau die Vorgänge an, die wir Sport nennen!" - wider den Einheitlichkeits-Mythos und den Essenzialismus in der Sportwissenschaft. In: I. Bach; H. Siekmann (Hrsg.): Bewegung im Dialog. Hamburg: Czwalina 2003. S. 189 - 205.

  • EISENBERG, Christiane: Gegenstandsbereich und politische Zielsetzung der Sportgeschichte. Anmerkungen zu Michael Krügers "Anmerkungen". In: Zs. Sport und Gesellschaft - Sport and Society, Stuttgart, 1 (2004), 1, S. 92 - 95.

  • GERSTMEYER, Thomas: Sport begründen ... In: Sportethik. Regeln - Fairneß - Doping. Hrsg.: C. Pawlenka. Paderborn: mentis 2004. S. 107 - 116.

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  • STEINKAMP, Egon: Was ist eigentlich Sport? Ein Konzept zu seinem Verständnis. Wuppertal: Putty 1983 (= ppp; 9)..

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  • TIEDEMANN, Claus: "Was ist der Gegenstand der Sportwissenschaft?" Vortrag vom 16. 1. 2003; erweiterte Fassung als PDF-Datei.

  • TIEDEMANN, Claus: "Was ist der Gegenstand der Sportwissenschaft?" Vortrag vom 09. 09. 2005 beim IX. Internationalen ISHPES-Kongress in Köln (PDF-Datei, 60 KB); ist inzwischen im Kongressbericht veröffentlicht: M. Lämmer; E. Martin; T. Terret (eds.): New Aspects of Sport History. Proceedings of the 9th ISHPES Congress Cologne, Germany, 2005. Sankt Augustin: Academia 2007. S. 435 - 440.

  • TIEDEMANN, Claus: "Sport-Bilder - ihre Bedeutung für Sport-Historiker" - Vortrag vom 18. Sept. 2006 beim XI. Internat. CESH-Kongress in Wien. Veröffentlicht in deutscher Sprache, leider nur mit ausgewählten Abbildungen (eine ist sogar vertauscht!) im Kongressbericht: Sport and the Construction of Identities. Proceedings of the XIth International CESH-Congress, Vienna, September 17th - 20th 2006. Eds.: B. Kratzmüller u.a. Wien: Turia + Kant 2007. S. 819 - 829. Vollständige deutsche Fassung; vorgetragene englische Fassung

  • ULF, Christoph: Die Frage nach dem Ursprung des Sports, oder: weshalb und wie menschliches Verhalten anfängt, Sport zu sein. In: Nikephoros, Hildesheim, 4 (1991), S. 13 - 30.

  • VOLKAMER, Meinhart: Zur Definition des Begriffs "Sport". In: Sportwissenschaft, Schorndorf, 14 (1984) 2, S. 195 - 203.

  • VOLKAMER, Meinhart: Was ist "Sport"? - Versuch einer Definition. In: M. Volkamer: Von der Last mit der Lust im Schulsport. Probleme der Pädagogisierung des Sports. Schorndorf: Hofmann 1987 (= Schriftenreihe zur Praxis der Leibeserziehung und des Sports; 189). S. 51 - 67.

  • WEILER, Ingomar: Leitperspektiven zur Genese des Sports. In: Nikephoros, Hildesheim, 2 (1989), S. 7 - 26. - gekürzte Fassung unter dem Titel "Vom Sinn und Ursprung des Sports." in: Sport - Sinn und Wahn. Steirische Landesausstellung 1991 in Mürzzuschlag, 27. April bis 27. Oktober. Hrsg.: Kulturabteilung des Amtes der Steiermärkischen Landesregierung, Graz. Graz: Selbstverlag 1991. S. 101 - 110.

  • WILLIMCZIK, Klaus: Sportwissenschaft / Wissenschaftstheorie. In: Handlexikon Sportwissenschaft. Hrsg.: H. Eberspächer. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch Verlag 1987. S. 443 - 467.

  • WILLIMCZIK, Klaus: Sportwissenschaft interdisziplinär. Ein wissenschaftstheoretischer Dialog. Band 1: Geschichte, Struktur und Gegenstand der Sportwissenschaft. Hamburg (Czwalina) 2001.

  • WILLIMCZIK, Klaus: Sportwissenschaft - ein passendes Etikett? Ein interdisziplinärer Dialog. In: dvs-Informationen, Hamburg, 16 (2001), Heft 3, S. 33 - 38.

  • WISSENSCHAFTLICHER BEIRAT DES DSB: Zur Definition des Sports. in: Sportwissenschaft, Schorndorf, 10 (1980) 4, S. 437 - 439.


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