Prof. Dr. Claus Tiedemann

Universität Hamburg
Fachbereich (ehem.) Sportwissenschaft
seit 2005: Fb. "Bewegungswissenschaft"
jetzt: Inst. f. "Bewegungswissenschaft"

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"Sport" - Vorschlag einer Definition
"sport" - a suggested definition

aktualisiert: 16. Dezember 2015
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"Sport" definieren - warum und wie?
defining "sport" - why and how?

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Grenzen und Nutzen dieser Definition
limits and benefits of this definition


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Erläuterung der Definitions-Elemente
explanation of the definition elements

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Ausgewählte Literatur
selected literature





"Sport" ist ein kulturelles Tätigkeitsfeld, in dem Menschen sich freiwillig in eine Beziehung zu anderen Menschen begeben mit der bewussten Absicht, ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten insbesondere im Gebiet der Bewegungskunst zu entwickeln und sich mit diesen anderen Menschen auf Grundlage der gesellschaftlich akzeptierten ethischen Werte nach selbstgesetzten oder übernommenen Regeln zu vergleichen.

"Sport" is a field of cultural activity, in which human beings voluntarily establish a relationship with other people, consciously intending to develop their abilities and accomplishments - in particular in the area of skilled motion - in order to compare themselves with these other people, according to rules set by themselves or adopted, basing on the socially accepted ethical values.

Le "sport" est un domaine d'activité culturelle, dans lequel des êtres humains établissent volontairement une relation réelle ou seulement imaginaire avec d'autres hommes, avec l'intention consciente de développer leurs compétences et capacités, en particulier dans le domaine de l'exercice physique adroit, et de se mesurer aux autres dans le cadre de règles, qu'ils ont eux-mêmes choisies ou adoptées, sur la base des valeurs socialement acceptées éthiques.


Eine ähnliche Sport-Definition ist von mir im Januar 2002 erstmals ins Internet gestellt und seither mehrfach überarbeitet worden, vor allem im Bereich der ethischen Begrenzung. Sie ist ein Vorschlag, der meines Wissens so noch nicht zur Diskussion gestellt worden ist. Eine Auseinandersetzung mit der Literatur (Auswahl siehe unten!) werde ich bei anderer Gelegenheit noch ausführlicher vortragen; vgl. inzwischen folgende Vorträge:

Vortrag vom 16. Januar 2003 beim "dies academicus" des Fachbereichs Sportwissenschaft der Universität Hamburg mit dem Titel "Was ist der Gegenstand der Sportwissenschaft?".

Vortrag vom 25. September 2004 beim IX. Internationalen CESH-Kongress in Crotone (Italien) mit dem Titel "Sport (und Bewegungskultur) für Historiker. Ein Versuch, die zentralen Begriffe zu präzisieren" (deutsche Fassung; PDF-Datei, 95 KB) sowie die vorgetragene englische Version: "Sport (and culture of human motion) for historians. An approach to precise the central terms" (PDF-Datei, 87 KB); in der englischen Version im Berichtsband des Kongresses veröffentlicht: A. Teja; A. Krüger; J. K. Riordan (eds.): Sport and Cultures. Proceedings of the 9th International Congress of the European Committee for Sport History (CESH) Kroton Italy 26 - 29 September 2004. Vol. II. Crotone: Edizioni del Convento 2005. S. 410 - 416.

Vortrag vom 9. September 2005 beim IX. Internationalen ISHPES-Kongress in Köln mit dem Titel "Was ist der Gegenstand der Sportwissenschaft?" (PDF-Datei, 61 KB); ist inzwischen im Kongressbericht veröffentlicht: M. Lämmer; E. Martin; T. Terret (eds.): New Aspects of Sport History. Proceedings of the 9th ISHPES Congress Cologne, Germany, 2005. Sankt Augustin: Academia 2007. S. 435 - 440.

Im Folgenden begründe ich erstens, warum und wie ich "Sport" definier(t hab)e, zweitens erörtere ich Grenzen und Nutzen meines Definitionsvorschlags, und drittens erläutere ich die einzelnen Elemente meiner Definition.

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1. "Sport" definieren - warum und wie?

Sport zu definieren ist schwierig. Dies wird an vielen Beiträgen zur Definitions-Problematik deutlich, die meistens vage und unpräzise sind. Als repräsentatives Beispiel zitiere ich Röthigs und Prohls Beitrag von 2003 zum Stichwort "Sport" im "Sportwissenschaftlichen Lexikon" (S. 493): "Seit Beginn des 20. Jahrhunderts hat sich S. zu einem umgangssprachlichen, weltweit gebrauchten Begriff entwickelt. Eine präzise oder gar eindeutige begriffliche Abgrenzung läßt sich deshalb nicht vornehmen." In der Kernaussage steht es so schon seit 1983 im "Sportwissenschaftlichen Lexikon". Diese "Kapitulation" vor der notwendigen begrifflichen Anstrengung bzw. die Erklärung, sie sei von vornherein ein gar nicht sinnvolles Unterfangen, weil unmöglich, halte ich für einen folgenschweren Gedankenschritt, der die deutschsprachigen Veröffentlichungen der letzten zwei, fast drei Jahrzehnte meines Erachtens negativ bestimmt hat.

Grundsätzlich muss meines Erachtens jeder Wissenschaftler einen möglichst klaren Begriff vom Gegenstand seiner Wissenschaft haben und ihn in seinen Veröffentlichungen erläutern. Die Vorstellung, ein Physiker hätte keinen genauen Begriff von Physik, ein Jurist keinen von Recht usw., dürfte allen Menschen merkwürdig erscheinen. Genau dies wird aber von den meisten und einflussreichsten Sportwissenschaftlern in Deutschland (und auch von einigen in anderen Ländern und Kulturen) für normal bzw. sogar für normativ erklärt. Die Folge sind wissenschaftliche Arbeiten, in denen alles Mögliche zu "Sport" gerechnet wird, selbst etwas meines Erachtens so Absurdes wie "Gesundheitssport". Verbunden damit, dass entsprechend der herrschenden Auffassung eine klare Begrifflichkeit von den meisten Sportwissenschaftlern gar nicht erst angestrebt wird, entstehen auf solche Weise völlige Beliebigkeit und Unklarheit im sportwissenschaftlichen Diskurs.

Wer sich mit dieser Entwicklung (bzw. mit diesem inzwischen vorherrschenden Zustand) nicht abfinden mag, muss sich dem mühevollen Unterfangen stellen, den Begriff "Sport" (als zentralen Gegenstand der Sportwissenschaft) zu klären, seinen Umfang bzw. seine Grenzen zu bestimmen, und das heißt, "Sport" zu definieren; und diese (Arbeits-) Definition muss öffentlich bekannt gegeben werden. Dies tue ich hiermit in der Hoffnung auf fördernde Resonanz aller derer, die sich um klare Begriffe in den Kulturwissenschaften bemühen. (Vgl. die weiter unten erwähnte und zitierte Begriffsbestimmung von "Bewegungskultur" sowie meine weiteren Definitionsvorschläge zu "Kunst", "Gewalt" und "Aggression" sowie "Olympismus" und "Frieden".)

Eine Definition soll die Bedeutung eines Begriffs bestimmen, festlegen, ein- bzw. abgrenzen. Zur Klarstellung gleich vorweg: Eine Definition als eine Vorschrift o.ä. zu begreifen, wäre ein Missverständnis. Jeder denkende Mensch bildet sich seine je eigene Meinung und benutzt Worte in seiner je eigenen Bedeutung. Dies sollte man aber nicht subjektivistisch oder konstruktivistisch übertreiben. Wir sind gesellschaftliche Wesen, auf Austausch und Verständigung mit anderen Menschen angelegt, in der Wissenschaft sowieso. Wenn wir uns aber mit anderen Menschen verständigen wollen, die ja ihren eigenen Wortgebrauch haben, müssen wir unseren Wortgebrauch klären, zumindest auf Nachfrage klären können. Wissenschaftler müssen darüber hinaus von vornherein, ohne auf Nachfrage zu warten, zumindest ihre zentralen Begriffe klären. Wenn SportwissenschaftlerInnen sich gegenseitig ungefragt mitteilen, was sie unter Sport verstehen, dann tun sie nur das Notwendige; wenn sie es unterlassen, ist das ein schwerwiegendes Hindernis für die Verständigung. In diesem Sinne ist das Definieren eine notwendige Vorleistung für den wissenschaftlichen Austausch von Erkenntnissen und Meinungen.

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Nun sind Definitionen bekanntlich nicht Instrumente, die in erster Linie die Wirklichkeit verändern sollten oder gar könnten; vielmehr soll hauptsächlich die vorgefundene (objektiv gegebene) Wirklichkeit in ihnen klar und trennscharf auf den Begriff gebracht werden. "In erster Linie", "hauptsächlich" - mit dieser Wortwahl habe ich schon angedeutet, dass in allen Worten, also auch (oder erst recht) in Definitionen, eine Vorstellung davon repräsentiert ist, wie die Wirklichkeit auch sein könnte (oder sollte). Ich verfolge mit meinen Worten (und damit auch Definitionen) einerseits kein rein objektivistisches Ideal (das sowieso nicht erreichbar ist). Andererseits verstehe ich meinen Wortgebrauch auch nicht als nur subjektivistisch, voluntaristisch oder gar konstruktivistisch. Dies bedeutet, dass ich die oben angedeutete Priorität akzeptiere, in der beides aufgehoben ist: Definitionen sollten so klar und trennscharf wie möglich die Wirklichkeit auf den Begriff bringen und zugleich auch in aller Feinheit zumindest andeuten, wie die Wirklichkeit auch sein könnte (oder sollte).

Man kann mehrere Arten von Definitionen unterscheiden: Real- (oder Wesens-) Definition, Nominaldefinition, Feststellungsdefinition, ostentative und operationale Definition. Ich schlage - entsprechend einer auf Aristoteles zurückgehenden philosophischen Tradition - eine sogenannte Realdefinition (Wesensbestimmung) vor. Sie soll das Wesen des Gegenstandes eines Begriffes festlegen durch Angabe der nächsthöheren Gattung (genus proximum) und des artbildenden Unterschiedes (differentia specifica). Und "Fehler" kann man bei einer regelrechten Definition auch machen, wenn sie z. B. zu eng oder zu weit ist, Widersprüche enthält, unklar formuliert ist, eine negative Formulierung oder gar das zu definierende Wort selbst enthält (vgl. Regenbogen, Arnim; Uwe Meyer (Hrsg.) (2013): Wörterbuch der philosophischen Begriffe, begründet von F. Kirchner und C. Michaelis, fortgesetzt von J. Hoffmeister, vollständig neu herausgegeben von A.R. und U.M. Hamburg: Felix Meiner 2013 (= Philosophische Bibliothek, Band 500), Stichwort "Definition". (Nach der analytischen Philosophie in der Tradition Rudolf Carnaps wäre für meine Definition eine Bezeichnung als "Begriffsexplikation" genauer; vgl. COHNITZ, Daniel: Wann ist eine Definition von 'Kunst' gut?; (letzter Zugriff: 17.10.2013)).

Wenn man eine solche Definition erarbeiten will, wie sie in den meisten Wörterbüchern und Lexika geboten wird, muss man sich zunächst also Gedanken machen, zu welcher Gattung Sport gehört, welche Begriffe auf derselben Ebene angesiedelt sind und welches die nächsthöhere Gattung (Begriffsebene) ist. Den Begriff Apfel z. B. der Gattung Obst zuzuordnen, würde einen Schritt zu weit gehen, weil Kernobst die nächsthöhere Gattung ist. Für mich ist die nächsthöhere Gattung für den Begriff "Sport" "Tätigkeitsfeld". Sport ist für mich eines von vielen Tätigkeitsfeldern. Die Fülle von Tätigkeitsfeldern habe ich schon etwas eingeschränkt durch das Adjektiv "kulturell". Dieses Element meiner Definition sowie alle anderen erläutere ich ausführlicher weiter unten (Punkt 3).

Im zweiten Schritt muss man den "artbildenden Unterschied" benennen, was also das (kulturelle) Tätigkeitsfeld Sport von anderen (kulturellen) Tätigkeitsfeldern unterscheidet. Dies sollte so knapp und klar wie möglich formuliert werden mit Worten bzw. Begriffen, die möglichst allgemein verständlich sind. Aus der grundsätzlichen Notwendigkeit, dass die hierbei verwendeten Begriffe ja ihrerseits wieder definiert werden müssten, folgern einige Autoren, dass ein solches Vorgehen infinit oder gar zirkulär sei, was einen schwerwiegenden Verstoß gegen die Definitions-Regeln darstelle; daher könne bzw. müsse man solches gar nicht erst versuchen. Dieses Bedenken ist ebenso puristisch wie unfruchtbar. Meines Erachtens ist es sowohl hinreichend als auch notwendig, die in der Tat logisch denkbare Zirkularität als eine "Unschärfe" in Kauf zu nehmen, um praktisch einen großen Gewinn an begrifflicher Klarheit zu erwerben.

Klar ist, dass auch diese Definition subjektiv ist, das Ergebnis (m)einer Handlung und (m)einer Entscheidung; andere werden anders handeln und entscheiden. Wissenschaft besteht natürlich aus dem Auseinandersetzen mit anderen Subjekten, ihren Handlungen und Entscheidungen - mit dem Angebot, das eigene Handeln und Entscheiden nachvollziehbar zu begründen und damit nachprüfbar zu machen. Wenn Röthig/Prohl im "Sportwissenschaftlichen Lexikon" behaupten, "eine präzise oder gar eindeutige begriffliche Abgrenzung" von "Sport" lasse "sich deshalb nicht vornehmen", so verweigern sie sich dem, was (Sport-) Wissenschaft grundlegend ausmacht; sie bleiben damit im Alltags-Sprachgebrauch - und mit ihnen inzwischen schon mehr als eine Generation von SportwissenschaftlerInnen.

Alle Elemente meiner Sport-Definition sind notwendig, und nur gemeinsam sind sie hinreichend. Dies bedeutet, dass eine Tätigkeit schon dann nicht mehr zu "Sport" gehört, wenn auch nur eines der definierenden Elemente nicht gegeben ist. Dies ist eine Denkfigur, die klare Abgrenzung ermöglich, und dies ist schließlich der Wortsinn des Definierens.

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2. Grenzen und Nutzen dieser Sport-Definition

Mein Definitionsvorschlag deckt nur einen Teil des alltags- und umgangssprachlichen "Sport"-Begriffs ab. Hiernach kann vieles nicht (mehr) als Sport bezeichnet werden (zumindest im wissenschaftlichen Sprachgebrauch), was im Alltags-Sprachgebrauch so benannt wird (z.B. "Gesundheitssport"). Der Unterschied ist schon erheblich. In vielen Diskussionen habe ich erfahren, dass viele Menschen sich gegen diesen neuen Wortgebrauch sträuben. Das ist wohl nicht nur ein Festhalten am Gewohnten, es ist vermutlich vor allem die Abwehr eines befürchteten Angriffs auf ein gesellschaftlich tief verankertes Wertbewusstsein: Sport bzw. Sportlichkeit wird von den meisten Menschen unserer Gesellschaft als ein hoher Wert empfunden und ist als solcher emotional tief verankert; dies gilt erst recht für die meisten SportwissenschaftlerInnen. Mein deutlich engerer Sport-Begriff scheint in den Augen (bzw. "Herzen"!) vieler einen Teil ihres Lebensstils in Frage zu stellen, den sie als "sportlich" verstehen (wollen).

Die von mir vorgeschlagene begriffliche Umstellung mag - zumindest anfangs - zu erheblicher Unsicherheit führen. Mein Vorschlag, für die nach meiner Definition nicht (mehr) unter "Sport" begrifflich einzuordnenden Tätigkeiten "Bewegungskultur" als weiteren Oberbegriff zu verwenden, scheint für viele den als emotional bedeutsam empfundenen "Verlust der Sportlichkeit" nicht einfach und schnell kompensieren zu können.

Der meines Erachtens größte und allgemeine Nutzen dieser Begriffsklärung entsteht für den sport-wissenschaftlichen Diskurs: Wenn Sportwissenschaftler voneinander wissen, was sie jeweils unter "Sport" verstehen, können sie - gerade bei verschiedenen Auffassungen - miteinander reden in klarem Bewusstsein ihres je unterschiedlichen Gebrauchs des zentralen Begriffs ihrer Wissenschaft.

Eine "eigene" Definition von "Sport" zu erarbeiten, erschien mir schon seit Längerem aufgrund allgemeiner wissenschaftstheoretischer Überlegungen notwendig. Ich rang mich aber erst zu einem wirklichen Versuch durch, als ich mich mit Vorarbeiten zu einer Gesamtdarstellung der Sportgeschichte beschäftigte. Dabei musste ich die Begriffsfrage ernsthafter als vorher klären: Was genau verstand ich unter "Sport"?

In sport-historischen Veröffentlichungen war mir schon länger aufgefallen, dass viele Autoren sich - meist schon in den Vorworten - sehr schwer taten, das Wort Sport auf frühere Zeiten "anzuwenden"; ich nenne dies das Anachronismus-Syndrom. Sie begründeten ihre Bedenken meistens mit dem heutigen weiten, vieles früher nicht Existente mit-umfassenden Gebrauch des Sport-Begriffs. Damit begaben sie sich in die Abhängigkeit von Personen und Umständen, die sie natürlich nicht beeinflussen konnten.

Dieses Begriffs-Dilemma kann ich nur vermeiden, indem ich prüfe, ob ich von "Sport" sowohl in der Gegenwart als auch in der Vergangenheit reden (und schreiben) kann. Dies wiederum setzte eine klare Begriffsbestimmung voraus.

Mit meiner Definition habe ich eine meines Erachtens brauchbare Lösung gefunden. Die Definition ist zwar ursprünglich aus der Untersuchung der gegenwärtigen Verhältnisse entstanden, aber aufgrund ihrer allgemeinen und klaren Formulierung kann man meines Erachtens auch das Wesen dessen erfassen, was (natürlich aus heutiger Sicht) in auch weit zurückliegender Zeit als "Sport" bezeichnet werden kann.

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Um die große Lücke zwischen meinem engen Sport-Begriff und dem grenzenlosen Sportbegriff zu füllen, der im Alltag und leider auch von den meisten Sportwissenschaftlern benutzt wird, schlage ich vor, ergänzend ein Wort mit größerem Bedeutungsumfang zu benutzen: "Bewegungskultur". Deshalb werde ich zukünftig, wenn ich den Bereich des heutigen Alltagsbegriffs "Sport" erfassen will, die beiden Worte "Bewegungskultur und Sport" benutzen. Einen Vorschlag zur Definition des Begriffs "Bewegungskultur" habe ich ebenfalls ins Internet gestellt:

"Bewegungskultur" ist ein Tätigkeitsfeld, in dem Menschen sich mit ihrer Natur und Umwelt auseinandersetzen und dabei bewusst ihre insbesondere körperlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten entwickeln, gestalten und darstellen, um einen für sie bedeutsamen individuellen oder auch gemeinsamen Gewinn und Genuss zu erleben.

Wenn man "Sport" und "Bewegungskultur" als Begriffe so benutzt, wie ich vorschlage, ist unwichtig, wann und wie diese Worte bisher verwendet worden sind; denn mit (m)einer Definition kläre ich, wie ich ein Wort jetzt (und zukünftig) benutzen will, was es für mich hier und jetzt bedeuten soll.

Die viel diskutierten terminologischen Bedenken von SporthistorikerInnen (das von mir so genannte Anachronismus-Syndrom, unter dem insbesondere Autoren leiden, die zur antiken Sportgeschichte forschen) beruhen meines Erachtens darauf, dass sie sich nicht imstande gesehen (oder gescheut) haben, den Bedeutungsgehalt des Begriffs "Sport" (durch eine Definition) zu klären. Wenn man sich dieser - zugegeben: schwierigen - Aufgabe aber stellt, sind solche Bedenken überwindbar. Einige (insbesondere US-amerikanische) Autoren (wie MANDELL, POLIAKOFF und GUTTMANN) haben dies auf ihre (unterschiedliche) Weise gezeigt. Über die Brauchbarkeit einer jeden Begriffsbestimmung kann natürlich (und sollte gern) gestritten werden - mit wissenschaftlichem Anspruch.

Ein (seltenes) Beispiel für die hoffentlich fortgesetzte Diskussion um einen Sport-Begriff (für Sporthistoriker) ist die Kontroverse im ersten Heft der Zeitschrift "Sport und Gesellschaft - Sport and Society" zwischen Christiane EISENBERG und Michael KRÜGER, in der Eisenberg - meines Erachtens zu Recht - Krüger (stellvertretend für die meisten übrigen deutschen Sporthistoriker und -wissenschaftler) vorhält, keinen klaren Sport-Begriff (zu haben und) zu benutzen, und in der sie mit einem (von mir nicht geteilten) Definitionsvorschlag die bisher sträflich vernachlässigte wissenschaftliche Diskussion fördert.

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3. Erläuterung der einzelnen Elemente meiner "Sport"-Definition

Zur Klärung für die Diskussion meines Vorschlags erläutere ich im Folgenden kurz die einzelnen Elemente meiner "Sport"-Definition:

"Tätigkeitsfeld": Dies ist das "genus proximum" für den zu definierenden Begriff "Sport". Tätigkeitsfeld (nicht: Tätigkeit!) soll auch klären, dass es sich bei "Sport" um einen abstrakten Sachverhalt handelt, nicht etwa um einen Gegenstand, Zustand o. ä. "Sport" ist auch kein Begriff für eine Tätigkeit, sondern ein Ober-Begriff (ein Feld) für viele Tätigkeiten. Schwimmen, Laufen oder Segeln sind nicht gleich Sport, sondern sind Worte für bestimmte Tätigkeiten, die - nur in einer bestimmten Ausprägung! - zum (kulturellen) Tätigkeitsfeld Sport gehören können. In anderer Ausprägung können sie auch Worte für Alltagstätigkeiten sein; dann gehören sie zum Tätigkeitsfeld Alltag.

Wenn man eine Tätigkeit benennen will, muss man ein Verb (Tuwort) benutzen. Im Deutschen haben wir leider kein einfaches (etwa "sporten"), sondern nur ein zusammengesetztes: "Sport treiben" bezeichnet allgemein Tätigkeiten im Tätigkeitsfeld Sport (= sportliche Tätigkeiten). Durch die Zusammensetzung der Worte "Sport treiben" wird übrigens deutlich, dass "Sport" ein abstrakter Begriff ist, der ein Verb dazu braucht, die Tätigkeit in diesem Feld zu benennen.

Dass die Handelnden Menschen (also z. B. nicht Tiere) sind, erscheint mir eigentlich selbstverständlich, muss aber doch klar formuliert werden; es gibt nämlich Autoren, die die These vertreten, auch Tiere betrieben "Sport" (bzw. "Leibesübungen", Neuendorff 1930; ähnlich argumentiert auch Weiler 1989). Dies wird durch die folgende Erläuterung zu "kulturell" hoffentlich noch deutlicher.

"kulturell": Auf der Grundlage der natürlichen Umstände und Bedingungen, die von den Menschen in historisch zunehmendem Ausmaß auch verändert werden, entwickeln die Menschen ihre Lebensformen kulturell / gesellschaftlich. In der Stammesgeschichte, wohl schon im Tier-Mensch-Übergangsfeld, bedeutet die Fähigkeit zur (Selbst-) Reflexion den entscheidenden Schritt von "tierischer" zu "menschlicher" - und damit kultureller - Entwicklung. Erst nach diesem Entwicklungsschritt kann man von "Sport" (und anderen kulturellen Tätigkeitsfeldern wie "Kunst") reden. Kultur ist die bewusste, reflektierte Gestaltung der eigenen Entwicklung, sowohl auf der Ebene der menschlichen Gattung als auch auf der des einzelnen Menschen.

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"freiwillig": Dieses Kriterium schließt solche Menschen aus, die unter Druck oder Zwang handeln, auch wenn sonst ihre Tätigkeit alle übrigen Kriterien für Sport erfüllt, z. B. die meisten Gladiatoren in römischen Arenen (siehe dazu unten die Bemerkungen zu "auf Grundlage der gesellschaftlich akzeptierten ethischen Werte"!).

Freiwilligkeit sollte übrigens nicht mit Freudigkeit (o. ä.) verwechselt werden! Der gegenwärtig so genannte "Schulsport" gehört beispielsweise, obwohl er von vielen als freudvoll erlebt werden kann, für mich nicht zu Sport, insoweit er Bestandteil des Pflichtunterrichts ist (Schulpflicht, Schulzwang!), also nicht freiwillig. Der alte Begriff "Leibeserziehung" war da ehrlicher.

Auch bei der Bundeswehr sollte man nicht von "Dienstsport" reden, insofern diese Tätigkeit zum Dienst gehört, also nicht freiwillig ausgeübt wird; Fitnesstraining wäre schon angemessener; noch ehrlicher wären wohl die Begriffe Kampftraining oder (para-) militärisches Training, sofern Bewegungsformen mit Waffen geübt werden.

Außerhalb von Schulunterricht, Militärdienst usw. können dieselben Menschen selbstverständlich Sport treiben, eben freiwillig; aber innerhalb solcher Zwangssysteme sollte man auf diesen Etikettenschwindel verzichten.

Die möglicherweise anfangs gegebene und erlebte Freiwilligkeit können (bzw. müssen) Sportler und Sportlerinnen unter den Bedingungen des "Profitums" allmählich aufgeben bzw. verlieren. Der so genannte "Profi-Sport" funktioniert weitgehend wie ein Zwangssystem, aus dem die Menschen zumindest nicht einfach und leicht "aussteigen" können. Diese Umstände legen manchmal die (in meinen Augen richtige) Aussage nahe: "Das ist doch kein Sport (mehr)!" Auch der häufige Vergleich (bzw. genauer: die Gleichsetzung) heutiger Berufssportler mit antiken Gladiatoren hat hierin seine (eingeschränkte) Berechtigung.

"sich in eine Beziehung begeben": Ein vereinzelter Mensch ohne Beziehung zu anderen ist (schon biologisch) nicht lebensfähig; dies gilt erst recht gesellschaftlich / kulturell. Über diese (banale) Grundeinsicht hinaus wird eine "sportlich" zu nennende Tätigkeit dadurch erst begründet, dass ein Mensch sich in diesem Tätigkeitsfeld durch dieses sein Tun mit anderen (zumindest einem anderen) Menschen in eine besondere, vergleichende (siehe dazu unten die Bemerkungen zu "vergleichen"!) Beziehung begibt.

Eine Beziehung kann auch über zeitliche und örtliche Grenzen hinweg innerlich, in der Vorstellung aufgenommen werden, z.B. sogar mit einem nicht mehr lebenden Menschen als Vorbild (oder Konkurrenten), mit einem Menschen an einem ganz anderen Ort oder auch mit einem unbestimmten Menschen in der Zukunft. Eine solche mittelbare, innere Beziehung liegt dem Rekord-Prinzip im Sport zu Grunde, nach dem es um das Ziel geht, irgendwann schon einmal erreichte Leistungen, über die ein glaubwürdiger Bericht (das ist die ursprüngliche Bedeutung des englischen Worts "record") vorliegt, zu übertreffen. Auch das Training, das als Vorbereitung auf einen konkreten Wettkampf zum sportlichen Handeln gehört, wird von solcher mittelbaren Beziehung bestimmt.

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Im Wettkampf selbst, in dem das Hier-und-Jetzt-Prinzip gilt, ist die Beziehung unmittelbar: Die anderen Menschen sind mir bekannt (oder werden es sein), zeitlich und räumlich nah (und ich ihnen), der angestrebte Vergleich findet direkt mit ihnen statt. Eine innere Beziehung mag dabei auch eine Rolle spielen, ist für mich aber nicht wesentlich.

Das Aufnehmen einer Beziehung zu einem anderen Menschen und die damit verbundenen Absichten und Ziele (siehe dazu unten die Bemerkungen zu "mit der bewussten Absicht"!) sind in den einzelnen, konkreten Handlungen von außen nicht immer einfach, manchmal überhaupt nicht zu erkennen. Die Absichten und Ziele sind aber meines Erachtens entscheidend für die Beziehung der beteiligten Menschen und damit dafür, ob ihre Handlungen im Tätigkeitsfeld Sport anzusiedeln sind oder nicht. Deshalb muss man den sozialen und psychischen Zusammenhang genau betrachten.

Ein Beispiel: Wenn ich sprinte, um einen Bus noch zu erwischen, handle ich nicht sportlich. Die Handlung des Sprintens mag von außen betrachtet (fast) dieselbe sein wie die eines Sportlers beim Training oder Wettkampf; aber mein Sprint zum Bus geschieht nicht, um mich - auf der Ebene dieser Handlung! - mit anderen Menschen in eine vergleichende Beziehung zu begeben. Beim sportlichen Training oder im Wettkampf hingegen sprinte ich, um mich - mit dieser Handlung - mit anderen Menschen in eine vergleichende Beziehung zu begeben.

Vielleicht werden die Bedeutungs-Grenzen noch klarer, wenn ich das eben angeführte Beispiel gedanklich auf die Spitze treibe: Wenn ich beim Sprint zum Bus von der anderen Seiten einen anderen Menschen aus gleicher Entfernung ebenfalls zum Bus sprinten sähe und mich mit ihm irgendwie verständigte, wir könnten beide darum streiten, wetteifern, wer von uns als Erster die Bustür erreichte, dann wären alle Definitionselemente für "Sport" gegeben: Aus dieser kleinen Alltags-Situation hätten wir beide eine kleine, flüchtige Sport-Situation gemacht.

Bei vielen Tätigkeiten, die umgangssprachlich und pauschal dem (Tätigkeitsfeld) Sport zugerechnet werden, fehlt überhaupt schon das Beziehungs-Element auf der Tätigkeitsebene selbst, und / oder es fehlt das Ziel des Vergleichs nach Regeln (siehe dazu weiter unten!), z. B. beim Bewegungstraining zum Zwecke der Rehabilitation ("Gesundheitssport"!), beim Joggen (außer als Training für einen Wettkampf), Jonglieren, Tanzen (ausgenommen Turnier-Tanzen!), Fitness-Training oder Body-Shaping; sie sind deshalb für mich nicht sportliche Tätigkeiten, auch wenn die Menschen bei oder mit dieser Tätigkeit möglicherweise eine andere Beziehungsart (z. B. Geselligkeit) leben. Die Beziehung zu mindestens einem anderen Menschen muss für die Tätigkeit unverzichtbar sein, und sie muss die weiteren Kennzeichen enthalten (Absicht des Vergleichens usw.), wenn die Tätigkeit zum Tätigkeitsfeld "Sport" gehören soll. Die eben aufgezählten und viele weitere Tätigkeiten gehören für mich überwiegend zum Tätigkeitsfeld "Bewegungskultur".

Die Grenzen sind allerdings nicht starr. Man kann eben - wie im Beispiel (Sprint zum Bus) gezeigt und in der Kulturgeschichte z. B. des Tanzens und des Turnens feststellbar - vieles zu einer sportlichen Tätigkeit machen, "versporten". Und es spielt für meinen Sport-Begriff, wie gesagt, eine wichtige Rolle, ob der einsame "Jogger" das nur für sich und seinen Genuss tut (das gehörte zum Tätigkeitsfeld "Bewegungskultur") oder ob er das als vorbereitendes Training für einen Wettkampf tut (das gehörte zum Tätigkeitsfeld "Sport").

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"mit der bewussten Absicht": Auch in anderen Tätigkeitsfeldern begeben sich Menschen in Beziehungen zueinander. Ihre subjektiven Absichten und die kommunizierbaren Ziele charakterisieren die Beziehungen und Tätigkeiten. Für eine sportliche Beziehung und Tätigkeit ist die Absicht eines regel-bestimmten Vergleichs mit (mindestens) einem anderen Menschen auf dem Gebiet der Bewegungskunst kennzeichnend (zu den hier schon vorweggenommenen weiteren Definitions-Elementen siehe unten!). Die bewussten Absichten werden unter den Menschen ausgetauscht. Sie münden u.a. in Vereinbarungen und Regeln.

Außer den bewussten Absichten haben Menschen aber auch unbewusste. Die bewussten und die unbewussten Absichten können zudem pathogen sein, gerade im heutigen Spitzensport und besonders in einigen Sportarten, z. B. wenn Menschen selbst- oder fremdschädigend (siehe dazu unten!) oder die Wirklichkeit leugnend handeln. Solches rechne ich nicht mehr zu "Sport". Die Grenze muss im konkreten Fall jeder für sich bestimmen; dies ist allerdings kein willkürlicher, sondern ein sehr verantwortungsvoller Entscheidungsprozess, über den gerade Wissenschaftler begründet streiten (= argumentieren) sollten.

Sportarten wie Boxen sind unter diesem Aspekt meines Erachtens problematisch, auch viele der sogenannten Extrem-Sportarten, weil die Menschen bei ihnen absichtsvoll zumindest in Kauf nehmen, dass es zu erheblichen Selbst- oder Fremd-Schädigungen kommen kann. Hier sollte immer wieder über die Grenzziehung gestritten werden. Mir ist auch klar, dass solche (meines Erachtens notwendigen) Wertungen historisch relativ sind: Bei den antiken olympischen Spielen waren die Pankrationisten hoch geachtete Mitglieder der damaligen Sport-Szene (die ich als Historiker auch heute mit dem Begriff Sport bezeichne). Heutzutage wäre eine Tätigkeit wie Pankration ethisch noch weit bedenklicher als Boxen. Oder: Viele heute als bedeutende "Sportler" anerkannte Menschen sind vor ihrer sportlichen Höchstleistung für "verrückt" erklärt worden. Diese Erkenntnis der historischen Relativität enthebt mich aber nicht der Notwendigkeit, in jedem Einzelfall genau hinzuschauen und letztlich ein begründetes eigenes Werturteil zu fällen.

Selbst- oder Fremdschädigung sind wohl selten bewusste Absicht, können aber eine - oft verhängnisvolle - unbewusste Bedeutung haben, insbesondere was die Selbstschädigung betrifft. Bedenkliche Anzeichen sind für mich die häufigen Todesfälle bei extremen, "sportlich" genannten Tätigkeiten wie z.B. beim Marathon-Laufen, Bergsteigen / Klettern, Kite-Surfen, Apnoe-Tauchen usw.

"Fähigkeiten": Die unterschiedlich begabten Menschen haben bzw. entwickeln (siehe unten) unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten in unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern, so auch im Sport. Der Begriff Fähigkeiten bezeichnet eher allgemeine, umfassende Handlungsmöglichkeiten, die auf Begabung, Konstitution, Übung und Erfahrung beruhen können, z.B. reaktionsschnell oder gelenkig oder ausdauernd sein oder eine komplexe Situation schnell und richtig einschätzen können.

In den meisten Sportarten werden die Wettkämpfe nach Geschlecht getrennt durchgeführt. In einigen Sportarten spielt - auch innerhalb desselben Geschlechts - die (körperliche ) Konstitution eine so große Rolle, dass nach Gewichtsklassen getrennt wird. Dass nicht (auch) nach Körperlänge klassifiziert wird, führt übrigens dazu, dass in einigen Sportarten kleine Menschen kaum eine Chance haben gegenüber großen (und manchmal umgekehrt); ich halte dies für problematisch; dies kann (und sollte) aber geregelt werden.

"Fertigkeiten": Dieser Begriff bezeichnet speziellere Handlungsmöglichkeiten, die insbesondere durch intensives Üben (Training) erworben / entwickelt werden können, z. B. sicher mit Hanteln umgehen, einen Salto springen oder (beim Segeln) eine schnelle Wende / Halse fahren können.

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"insbesondere im Gebiet der Bewegungskunst": Jedes Handeln hat einen - wenn auch möglicherweise geringen und äußerlich kaum wahrnehmbaren - motorischen Anteil. Eine Kennzeichnung des zu definierenden Tätigkeitsfelds nur mit dem Begriff Bewegung wäre darum wenig trennscharf. Durch Hinzufügen von "insbesondere" will ich aussagen, dass die Bewegung in dieser Definition eine abstufende (graduierende) Bedeutung hat, allerdings schon eine bestimmende, unverzichtbare. Es muss auf die Bewegung ankommen, sie muss im Mittelpunkt des Handelns stehen. Wieviel Kalorien dabei verbraucht werden, ist nicht wesentlich. Der Satz "Sport ist, wenn man schwitzt und hinterher duscht." bleibt ein netter Definitionsscherz.

Mit dem Wortteil (Bewegungs-) "-kunst" will ich auf eine ebenfalls abstufende Betrachtung der Qualität der Bewegung hinweisen, durch die eine Abgrenzung von alltäglichen Bewegungen deutlich wird. Statt "... der Bewegungskunst" könnte ich auch "... der gekonnten Bewegung" sagen. "Kunst kommt von Können" - dieses Sprichwort ist beim Wortbestandteil "Kunst" in meinem Kopf gewesen, und nicht etwaige ästhetische Bedeutungs-Möglichkeiten von Kunst. Der Punkt, an dem Art, Ausmaß und Bedeutung der Bewegung hinreichen, um eine Tätigkeit als sportlich zu bezeichnen, ist damit nicht festgelegt, sondern bleibt in dieser Definition offen; hierüber kann und muss diskutiert und gestritten werden.

So zählt z. B. Schachspielen für mich nicht zum Sporttreiben, da es beim Schachspielen nicht auf Fähigkeiten und Fertigkeiten im Gebiet der Bewegungskunst ankommt, sondern auf die gedanklich-strategische und -taktische Leistung. Schachspieler höchster Könnensstufe brauchen sich so gut wie überhaupt nicht zu bewegen; sie brauchen sich nur gegenseitig zu sagen "e2-e4" und "e7-e5" usw., um eine Partie Schach nach allen Regeln der Kunst zu spielen (vgl. Fernschach). Dass Schachspieler sich bei ihren Wettkampfspielen auch konditionell beanspruchen und sich deshalb manchmal auch einem körperlichen Training unterziehen, ändert nichts daran, dass es auf ihr Bewegungshandeln nicht ankommt. Bei Turnieren mögen sie in Schweiß geraten, aber das bleibt im Rahmen alltäglicher leiblicher Belastung, die mit trainierter Kondition eben besser auszuhalten ist. Das "Klötzchenschieben" der Schachspieler bleibt im Bereich der Alltagsbewegungen, ist ja sogar grundsätzlich verzichtbar und jedenfalls nicht im Gebiet der Bewegungskunst anzusiedeln. Auch beim "Blitzen" kommt es nicht wesentlich auf die Bewegung an. Es ist natürlich hilfreich, mit konzentrierter Bewegung die Uhr des Gegners so schnell wie möglich in Gang bringen zu können; entscheidend bleibt aber die geistige Leistung, die richtigen Züge zu machen. Nur der sogenannte Bestandsschutz verhindert übrigens, dass der Deutsche Schach-Spitzenverband als Mitglied des Deutschen Sportbundes ausgeschlossen wird. Allen Beteiligten ist wohl klar, dass Schachspielen keine Sportart ist. Das IOC, das inzwischen sogar Bridgespielen als Sportart anerkannt hat, hat für mich spätestens damit jede Glaubwürdigkeit als "Hüter" der Idee des Sports verloren.

Ein etwas anders gelagerter Grenzfall ist der "Automobilsport". Hier scheint es zu einem bedeutsamen Teil auf die Qualität des Geräts anzukommen, das den Fahrern zur Verfügung steht (ähnlich übrigens auch im "Pferdesport"). Als Michael Schumacher, "Rekordweltmeister" in der Formel 1, in der Saison nach seiner letzten Titelverteidigung fast nie mehr in der Spitze mitfahren konnte, weil sein Gerät offensichtlich schlechter als die anderen war, zeigte sich, dass es im "Automobilsport" (zumindest in der Formel 1) wohl doch zum größeren Teil auf das Gerät ankommt als auf den Fahrer, der (damals) nach wie vor als der (eigentlich) Beste geachtet wurde. Weil es für mein Sportverständnis aber auf die menschliche Bewegungskunst ankommen muss, zähle ich Autorennen nicht zu den Sport-Ereignissen.

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Ähnlich fragwürdig scheint es mir beim Dressur- und Springreiten, wo oft die Klasse des Pferdes den Vergleich bestimmt (man denke nur an die "Wunderstute" Halla, die 1956 in Stockholm den verletzten und schwer sedierten Hans Günther Winkler im zweiten Umlauf fehlerlos zum Gewinn der Goldmedaille im Springreiten ins Ziel trug, oder an das "Wunderpferd" Totilas, das seinem (Besitzer und Dressur-) Reiter Matthias Rath den Sieg zu garantieren schien - wenn er denn gesund gewesen wäre).

Das sportliche Prinzip könnte in solchen Wettbewerben beispielsweise dadurch "gerettet" werden, wenn sich zumindest die für einen Endkampf qualifizierten Menschen mit allen jeweils anderen Geräten bzw. Pferden bewähren müssten; beim Reiten hat es diese Regel übrigens schon gegeben.

Häufig ist mir - gerade mir, einem ausübenden Geiger und Bratscher (übrigens auch Sänger)! - entgegengehalten worden, Musiker müssten mit ihren Instrumenten doch höchste Bewegungskunst praktizieren, sie begäben sich in Beziehung zu anderen Menschen, auch dort würden Leistungsvergleiche angestrebt und organisiert usw., kurz: nach meiner Definition sei Musizieren mit Instrumenten doch wohl auch zum "Sport" zu rechnen. Dem steht entgegen, dass das Bewegen für Instrumentalmusiker Mittel zum Zweck ist, dass der Sinn des Musizierens nicht in der Bewegung besteht, sondern dass die Bewegung beim Musizieren dazu dient, (wohl klingende) Töne zu erzeugen, so übungsbedürftig, anstrengend und schweißtreibend auch immer diese Tätigkeit sein mag.

Beim Sport kommt es darauf an, durch gekonnte Bewegung(en) eine vorher verabredete und geregelte Anforderung zu meistern; die leibliche (vielleicht besser als "körperliche"!) Bewegungskunst ist das Bestimmende, das, worauf es ankommt. Das Ausmaß der leiblichen Bewegung ist damit nicht festgelegt; meine Definition lässt mit dem Wort "insbesondere" Raum für den notwendigen Meinungsstreit um die konkrete Grenzziehung.

Ein in Diskussionen mit mir häufig strittiges Gebiet ist beispielsweise auch die Frage, ob die (olympische) Sportart Schießen nach meiner Definition zum Sport zu zählen ist oder nicht. Die Tatsache, dass es beim Zielen wesentlich darauf ankommt, Bewegung zu kontrollieren, mit der Tendenz, sie weitgehend einzuschränken (besonders deutlich beim Biathlon, wenn die vom Laufen angestrengten AthletInnen gegen ihre vom heftigen Atmen verursachten Bewegungen ankämpfen), spricht scheinbar dafür, Schießen als nicht in die Definition passend anzusehen. Für mich ist es aber eine besondere Kunst, die leibliche Bewegung so zu gestalten, dass dabei eine erfolgversprechende Situation herbeigeführt wird, die ich im Sinne der vorher verabredeten Regeln nutzen kann. Auf das von außen sichtbare Ausmaß der gekonnten Bewegung kommt es hier (beim Schießen) und grundsätzlich nicht an. Wer sich je im Sportschießen (mit Pistole oder Gewehr) versucht hat, wird das bestätigen; beim Schießen auf bewegliche Ziele sowie beim Bogenschießen werden dies wohl auch die Laien nachvollziehen können. Ähnlich könnte man aufgrund der "Halte-" und "Stand-" Teile beim Turnen oder Eiskunstlaufen argumentieren.

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"entwickeln": Menschen müssen an sich "arbeiten", um ihre ererbten ("natürlichen") Veranlagungen in kulturell und individuell ausgeprägte Handlungsmöglichkeiten (siehe oben "Fähigkeiten" und "Fertigkeiten"!) zu verwandeln, auch auf dem Gebiet der Bewegungskunst. Dabei werden sie beeinflusst von anderen Menschen wie Gleichaltrigen, Eltern, Lehrern und Trainern, sowie allgemein von der Kultur und Gesellschaft, in der sie sich entwickeln. Das Ergebnis dieser Entwicklung, die Ausprägung der entwickelten Handlungsmöglichkeiten im Sport, ist nicht nur je individuell verschieden, sondern auch kulturell/gesellschaftlich beeinflusst.

Es war zumindest früher möglich, dass Menschen allein aufgrund ihrer natürlichen und kulturellen Lebens-Umstände über bestimmte Bewegungs-Fähigkeiten bzw. -Fertigkeiten so hohen Niveaus verfügten, dass sie ohne zusätzliche besondere Trainings-Anstrengung sportlich nicht nur konkurrenzfähig, sondern Menschen aus anderen kulturellen Bereichen überlegen waren, z.B. der äthiopische Marathonläufer Bikila Abebe 1960 in Rom (damals sogar barfüßig, und noch 1964 in Tokio, dann allerdings mit Laufschuhen). Im Allgemeinen - auch bei Bikila Abebe, allerdings auf eine kulturell andere Weise - besteht die Entwicklung sportlicher Handlungsmöglichkeiten aus einem langen Prozess des Lernens, Übens, Trainierens, meist unter Anleitung. Dies ist schon in früheren Zeiten und Kulturen so gewesen.

Dieses Element meiner Definition ist also auch graduell zu verstehen. In vielen Sport-Arten gab es - und gibt es noch - "Naturtalente", die anscheinend "einfach so" konkurrenzfähig waren bzw. sind. Anfang des 20. Jahrhunderts stellten europäische Kolonisatoren beispielsweise im heutigen Ruanda erstaunt fest, dass es bei den Tutsi viele junge Männer gab, die Höhen übersprangen, die weit über damaligen Hochsprung-"Weltrekorden" lagen. Diese Fähigkeit erwarben sich die jungen Tutsi aber nicht für einen (sportlichen) Wettkampf, sondern als Beweis ihrer erworbenen Mannbarkeit (Bale 2002, Tiedemann 2006). Es war eine gesellschaftlich verankerte Form von Bewegungskultur.

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"sich vergleichen": Die Menschen mit ihren so entwickelten Handlungsmöglichkeiten können und wollen (offenbar in fast allen Kulturen) sich auch auf dem Gebiet der Bewegungskunst mit anderen Menschen vergleichen, um in verschiedenen Tätigkeitsweisen, die kulturell um der besseren Vergleichbarkeit willen entwickelt wurden und noch werden ("Sportarten"), den Besseren bzw. Besten zu ermitteln. Dies geschieht naturgemäß in Form eines direkten geregelten Vergleichs ("Wettkampfs") an einem bestimmten Ort zur selben Zeit (mit oder ohne Zeugen und/oder "Schiedsrichter").

In solchen Vergleichen, die zunehmend mehr Individuen oder Teams in Konkurrenz zueinander brachten, haben die Menschen im Laufe der Geschichte verschiedene Formen von Vorausscheidungen, Herausforderungs- oder Qualifikations-Wettkämpfen o. ä. entwickelt. Die Formen solcher Vergleiche machen den empirischen Reichtum der Sportgeschichte aus. Welche Motive hinter den einzelnen handelnden Menschen oder den sie tragenden gesellschaftlichen Gruppen standen, welche Bedeutung diese Vergleiche für sie hatten, sind ebenfalls interessante historische und aktuelle Begleitumstände.

Das bloße Zurschaustellen noch so hoch entwickelter Fähigkeiten und Fertigkeiten auf dem Gebiet der Bewegungskunst (z. B. Artistik im Zirkus) ist für mich keine sportliche Tätigkeit, weil (bzw. insofern, als) hierbei die vergleichende Beziehung zu mindestens einem Menschen in diesem Tätigkeitsfeld fehlt bzw. nicht wesentlich ist. Es gibt ja viele ehemalige (Spitzen-) SportlerInnen, die in den Show-Bereich gewechselt sind (z. B. EiskunstläuferInnen); sie wechseln nach meinem Begriffsverständnis vom "Sport" zur "Bewegungskultur". Sie führen ihre hohe Bewegungskunst vor, ohne dass sie damit Vergleiche mit anderen Menschen anstrebten. Man kann zwar auch verschiedene dieser Artisten miteinander vergleichen, der Vergleich ist dann aber von außen an sie herangetragen und liegt nicht wesentlich in ihrer eigenen Handlung.

Da eigenes Handeln notwendiger Bestandteil meiner Definition ist, sind auch alle diejenigen keine "Sportler", die nur andere Menschen zu einem Vergleich im Gebiet der Bewegungskunst anstiften, wie es z. B. die englischen "gentlemen" in der spät-feudalistischen, früh-kapitalistischen Zeit taten ("Patronatssport"). Sie ließen ihre Bediensteten gegeneinander antreten (im Laufen, Reiten, Segeln etc.) und wetteten auf den Ausgang. Es mag irritieren, wenn gerade diese ihre delegierende Handlungsweise ("sportsmanship") kulturgeschichtlich der Ursprung für den (englischen) Begriff "Sport" ("sports") war. Andere Menschen für sich handeln zu lassen, ist immer noch ein historisches Überbleibsel im heutigen "Sport", wenn z.B. die Eigner großer Segelyachten zu Regatta-"Siegern" erklärt werden, selbst wenn sie gar nicht mit an Bord waren. Sportler sind sie damit für mich jedenfalls nicht. Als aktives Mitglied ihrer Crew sind sie es selbstverständlich.

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"nach selbstgesetzten oder übernommenen Regeln": Da es beim Sport um freiwillige Handlungen sowie um einen Vergleich der Bewegungs-Fähigkeiten und -Fertigkeiten geht, müssen sich die Menschen in diesem Tätigkeitsfeld vereinbaren, auf Regeln einigen oder bewährte übernehmen, nach denen der Bessere, der Gewinner des Wettstreits, ermittelt und festgestellt werden soll. Ohne eine solche Verabredung - für mich selbstverständlich auf der Grundlage des Respekts vor dem eigenen und fremden Leben (siehe unten!) - würde aus Sport leicht ein zügelloser, vernichtender Kampf, Krieg. Manche Autoren halten den todernsten Zweikampf übrigens für den Ursprung des Sports, der eben durch Regel-Verabredung kulturell "entschärft", "gezähmt" worden sei.

Die vereinbarten Regeln können noch so skurril erscheinen, für Außenstehende nur schwer verständlich sein; sobald sie allen beteiligten Handelnden einsichtig und von ihnen akzeptiert sind, konstituieren sie für sie ein eigenes Tätigkeitsfeld - eben Sport -, in dem dann auch mit regeln-ausnutzender Härte um den "Sieg" gestritten, gekämpft wird.

Die in diesem Zusammenhang oft beschworene "Fairness" ist ein weiterer zu klärender Begriff, der meines Erachtens oft kulturgeschichtlich falsch verortet und darüber hinaus moralisch aufgeladen wird (vgl. Tiedemann 1988). Der Kern von Fairness ist für mich, nicht nur aus kulturgeschichtlichen Gründen, die Regelhaftigkeit und die sich daraus ergebende Berechenbarkeit, Verlässlichkeit, aufgrund derer alle Beteiligten Handlungssicherheit erlangen, wenn sie um den Sieg streiten (oder materiellen Vorteil beim Tausch-Handeln; "fair" heißt immer auch noch "Messe", bei der Waren ausgestellt und getauscht werden).

"auf Grundlage der gesellschaftlich akzeptierten ethischen Werte": An diesem Element habe ich lange "geknackt", und ich war nie ganz zufrieden. Bis vor kurzem hieß meine Formulierung noch "..., ohne sie oder sich selbst schädigen zu wollen". Ich wollte damit deutlich machen, dass ich jede absichtliche Schädigung ausschließen will. Beim Sporttreiben kann es aus Unachtsamkeit und in unglücklichen Situationen, "im Eifer des Gefechts", zu Schädigungen kommen; das ist ethisch kein grundsätzliches Problem. Es ist leider so - wie "im richtigen Leben". Wichtig ist nur, dass keine Absicht vorliegt, auch keine bewusste Fahrlässigkeit, kein billigendes Inkaufnehmen.

In einer Diskussion jüngst ist mir deutlich geworden, dass es allgemeiner und besser ist, sich auf (allgemeine) ethische Werte zu beziehen, und dass der Zusatz "gesellschaftlich akzeptierte" die Normen als kulturell dynamisch bezeichnet, ihre ständige Veränderung (hoffentlich Weiter-Entwicklung!) deutlich macht, sowohl innerhalb einer bestimmten Gesellschaft als auch im Vergleich verschiedener Gesellschaften (vgl. das Beispiel Pankration!).

Allgemein gilt in (fast) allen Gesellschaften, dass niemand einem anderen Menschen absichtlich schaden darf. Dies gilt insbesondere auch für das Verantwortungs-Verhältnis, das Erwachsene (Eltern, Trainer usw.) gegenüber Kindern und Jugendlichen haben. Meine ehemalige Formulierung, die ausdrücklich auch Selbstschädigung thematisierte, war insbesondere vom Dopingproblem bestimmt. Das Dopen und andere mögliche Formen der Selbstschädigung sind aber auch durch die neue, allgemeinere Formulierung ausgeschlossen (sowie teilweise durch den Bezug auf das sportartenspezifische Regelwerk).

Auch im Tätigkeitsfeld Sport gelten selbstverständlich zunächst einmal die allgemeinen ethischen Normen; die je besonders verabredeten "Regeln" stellen weitere, ergänzende Normen dar. Regelhaftigkeit ist ein notwendiges, aber nicht hinreichendes Bestimmungsmerkmal für Sport. Regeln allein begründen noch nicht einen ethischen Standard (siehe Boxen), wie er gesellschaftlich allgemein akzeptiert bzw. einzufordern ist.

Ein positives Beispiel ist im Segelsport - übrigens ähnlich wie in der Straßenverkehrsordnung - das Gebot, ein "Manöver des letzten Augenblicks" zu fahren, auch wenn man nach den Vorfahrtsregeln das Recht hätte, seinen Kurs beizubehalten. Der Sinn ist offensichtlich, niemand zu schädigen. Wer dieses Gebot nicht befolgt, wird trotz seines "Wegerechts" für die folgende Kollision mitverantwortlich gemacht und disqualifiziert.

Die sportartspezifischen Regeln sind je nach Sinn und Tradition einer Sportart manchmal ethisch problematisch, insbesondere in Kampf- und Risiko-Sportarten. Boxen ist z. B. für mich ein ethisches Grenzgebiet, weil es nach den gegenwärtigen Regeln zum Sinn des Boxens gehört, den Gegner mit regeln-ausnutzender Härte tendenziell kampfunfähig zu machen und damit auch für die Gesundheit schwer wiegende Folgen (bis zum Tod) für sich selbst und den Gegner billigend in Kauf zu nehmen. Zahlreiche Todesfälle direkt "im Ring" und noch zahlreichere Fälle von schwerer gesundheitlicher Schädigung von Boxern sind für mich hinreichend, Boxenin der derzeitigen Form nicht als Sport zu begreifen.

Dabei könnten die Regeln von den (internationalen) Boxverbänden so geändert werden, dass diese schweren Begleitumstände bzw. Folgen entscheidend gemildert würden. Erst dann könnten wir unseren Kindern guten Gewissens empfehlen, diesen erst nach grundsätzlicher "Entschärfung" möglicherweise sehr interessanten Sport auszuüben.

Es hat in den siebziger Jahren einen völlig verdrängten, meines Erachtens revolutionären Vorstoß vonseiten der UdSSR-Box-Organisation gegeben, durch Veränderung der Boxhandschuhe, vor allem der Handhaltung in den Boxhandschuhen, die kinetische Energie (und damit die Wirkung) der geraden Schläge auf schätzungsweise 5 Prozent herabzusetzen, indem die Fingerglieder nicht völlig zur Faust geballt würden, sondern das dritte Fingerglied ungefähr in eine Linie mit der Mittelhand gebracht worden wäre. Mit dieser Regeländerung wäre die Gesundheitsgefährdung der Boxer durch zahlreiche kleine Gehirnerschütterungen erheblich reduziert worden. Das Boxen wäre in Richtung des Fechtens verändert worden, bei dem ja auch nur symbolische Treffer erzielt werden, die mit hohem technischem Aufwand festgestellt werden. Dieser Vorschlag ist leider nicht aufgegriffen bzw. abgelehnt worden. Man darf also vermuten, dass der Mehrheit der Box-Verantwortlichen (selbst im Amateur-Bereich, um den es damals "nur" ging!) daran gelegen war (und weiterhin ist), dem Boxen den fragwürdigen "Reiz" erheblicher Gesundheitsgefährdung zu erhalten.

Historisch ist meines Erachtens beim römischen Gladiatorenwesen die ethische Grenze des Verbots der Fremd- bzw. Selbstschädigung von vornherein klar überschritten, und zwar auch dann, wenn es sich bei den Gegnern um Freiwillige gehandelt hat (was durchaus vorgekommen ist). Die Gladiatur sollte deshalb meines Erachtens in Darstellungen zur Sportgeschichte nicht behandelt werden; denn auch zur Bewegungskultur kann ich sie nicht zählen.

In manchen sogenannten "Risikosportarten" wird die Grenze der Selbstschädigung meines Erachtens auch erreicht bzw. überschritten.

Über die konkrete Grenzziehung kann und muss auch bei diesem Bestandteil meiner Definition in jedem Fall gestritten (argumentiert) werden; jede(r) wird die Grenze woanders ziehen wollen, sollte aber - gerade als Wissenschaftler(in) - seine (ihre) Motive und Gründe dafür offenlegen.




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4. Ausgewählte Literatur zum Begriff "Sport" und seiner Definition:

  • BALE, John: Imagined Olympians. Body Culture and Colonial Representation in Rwanda. Minneapolis, London: University of Minnesota Press 2002.

  • BALZ, Eckart: Sport oder Bewegung - eine Frage der Etikettierung? In: dvs-Informationen, Hamburg, 15 (2000), Heft 4, S. 8 - 12.

  • BERNETT, Hajo: "Sport". In: Lexikon der Pädagogik. Freiburg/Brsg.: Herder 1971. Bd. 4, S. 144.

  • BERNETT, Hajo: "Sport (sports)". In: Sportwissenschaftliches Lexikon. 1. Aufl., Hg.: P. Röthig, Schorndorf (Hofmann) 1972, S. 212.

  • COURT, Jürgen (Hrsg.): Was ist Sport? Sportarten in der Literatur. Schorndorf: Hofmann 2001.

  • DIEM, Carl: Wesen und Lehre des Sports. Berlin, Frankfurt/M.: Weidmannsche Verlagsbuchhandlung 1949.

  • DIGEL, Helmut (Hrsg.): Sportwissenschaft heute. Eine Gegenstandsbestimmung. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1995 (= WB-Edition Universität; 1).

  • DREXEL, Gunnar: "Denk darüber nach, was der Sport 'ist'!" und: "Schau die Vorgänge an, die wir Sport nennen!" - wider den Einheitlichkeits-Mythos und den Essenzialismus in der Sportwissenschaft. In: I. Bach; H. Siekmann (Hrsg.): Bewegung im Dialog. Hamburg: Czwalina 2003. S. 189 - 205.

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  • TIEDEMANN, Claus: "Was ist der Gegenstand der Sportwissenschaft?" Vortrag vom 09. 09. 2005 beim IX. Internationalen ISHPES-Kongress in Köln (PDF-Datei, 60 KB); ist inzwischen im Kongressbericht veröffentlicht: M. Lämmer; E. Martin; T. Terret (eds.): New Aspects of Sport History. Proceedings of the 9th ISHPES Congress Cologne, Germany, 2005. Sankt Augustin: Academia 2007. S. 435 - 440.

  • TIEDEMANN, Claus: "Sport-Bilder - ihre Bedeutung für Sport-Historiker" - Vortrag vom 18. Sept. 2006 beim XI. Internat. CESH-Kongress in Wien. Veröffentlicht in deutscher Sprache, leider nur mit ausgewählten Abbildungen (eine ist sogar vertauscht!) im Kongressbericht: Sport and the Construction of Identities. Proceedings of the XIth International CESH-Congress, Vienna, September 17th - 20th 2006. Eds.: B. Kratzmüller u.a. Wien: Turia + Kant 2007. S. 819 - 829. Vollständige deutsche Fassung; vorgetragene englische Fassung

  • ULF, Christoph: Die Frage nach dem Ursprung des Sports, oder: weshalb und wie menschliches Verhalten anfängt, Sport zu sein. In: Nikephoros, Hildesheim, 4 (1991), S. 13 - 30.

  • ULFIG, Alexander: Lexikon der philosophischen Begriffe. 2. Aufl. Wiesbaden: Fourier 1999.

  • VOLKAMER, Meinhart: Zur Definition des Begriffs "Sport". In: Sportwissenschaft, Schorndorf, 14 (1984) 2, S. 195 - 203.

  • VOLKAMER, Meinhart: Was ist "Sport"? - Versuch einer Definition. In: M. Volkamer: Von der Last mit der Lust im Schulsport. Probleme der Pädagogisierung des Sports. Schorndorf: Hofmann 1987 (= Schriftenreihe zur Praxis der Leibeserziehung und des Sports; 189). S. 51 - 67.

  • WEILER, Ingomar: Leitperspektiven zur Genese des Sports. In: Nikephoros, Hildesheim, 2 (1989), S. 7 - 26. - gekürzte Fassung unter dem Titel "Vom Sinn und Ursprung des Sports." in: Sport - Sinn und Wahn. Steirische Landesausstellung 1991 in Mürzzuschlag, 27. April bis 27. Oktober. Hrsg.: Kulturabteilung des Amtes der Steiermärkischen Landesregierung, Graz. Graz: Selbstverlag 1991. S. 101 - 110.

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  • WILLIMCZIK, Klaus: Sportwissenschaft - ein passendes Etikett? Ein interdisziplinärer Dialog. In: dvs-Informationen, Hamburg, 16 (2001), Heft 3, S. 33 - 38.

  • WILLIMCZIK, Klaus: Sportwissenschaft interdisziplinär. Ein wissenschaftstheoretischer Dialog. Band 1: Geschichte, Struktur und Gegenstand der Sportwissenschaft. Hamburg (Czwalina) 2001.

  • WISSENSCHAFTLICHER BEIRAT DES DSB: Zur Definition des Sports. in: Sportwissenschaft, Schorndorf, 10 (1980) 4, S. 437 - 439.


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